KINOBLOG

Film und dieses & jenes, von Tobias Kessler

Fließen, Brummen, Pulsieren – Thom Yorks Musik zu „Suspiria“

Thom Yorke Radiohead Suspiria Dario Argento Giallo Horror

Thom Yorke, fotografiert von Gregg Williams.

 

Eigentlich ist es ja eine gute Idee, Filmmusik zu hören, ohne den Film schon gesehen zu haben. So sind Musik, Bilder und Handlung noch nicht ineinander geflossen, die Assoziationen noch ungebunden. Und gerade die Musik zu „Suspiria“ weckt nahezu endlose Assoziationen, sie ist ein Füllhorn an Atmosphäre, Stimmungen, Klängen zwischen harmonisch und dissonant, recht selten warm einhüllend, öfter beunruhigend.

1977 drehte Regisseur Dario Argento „Suspiria“ über Morde in einer Tanzschule im beschaulichen Freiburg im Breisgau – heute ein Klassiker des fantastischen Films. Argentos Kollege Luca Guadagnino hat den Stoff nun neu verfilmt beziehungswiese neu interpretiert; sein Film lief 2018  beim Filmfestival in Venedig, erhielt überwiegend gute Kritiken und ist nun auch in Deutschland zu sehen, wenn auch in einer überschaubaren Zahl von Kinos – aus der Saarbrücker Camera Zwo hat er sich gerade verabschiedet.

 

 

Die Musik zum Film hat Thom Yorke aufgenommen, Sänger und Komponist der britischen Band Radiohead. Anfangs recht konventionelle Alternative Rocker, mittlerweile lustvolle und trickreiche Klangfummler. Yorke, gerne auch solo und mit Kollegen abseits seiner Band im Studio, legt mit „Suspiria“ nun seine erste Spielfilmmusik vor – und die geht in die Vollen, was die Länge angeht (80 Minuten) und den Inhalt: „Suspiria“ schlägt einen weiten Bogen von merkwürdig entrücktem Pop bis zu Neuer Musik, vom psychedelischen Krautrock der 1970er zu Chorälen. Das könnte nun Kraut und Rüben sein – aber alles fließt organisch ineinander, Kontraste gibt es zuhauf, aber keine Brüche.

Da gesellen sich, nach einer flirrenden, schabenden Streicherdissonanz zum Auftakt (aufgenommen mit dem London Contemporary Orchestra and Choir), minimalistische Klaviermotive zu orchestraler Wucht, breit ausgewalzte Keyboard-Klänge mit Spätsiebziger-Aroma zu Klangmalerei: „The unevitable pull“ brummt und dröhnt so unheilvoll, dass man es nicht alleine in einem dunklen Zimmer hören sollte. Vergleichsweise sonnig ist dann „Suspirium“, eines der wenigen Stücke, auf denen Yorke singt, hier in einem anrührenden, zerbrechlichen Falsett. Zu hören ist er auch auf „Has ended“, das mantrahaft hypnotisch und psychedelisch vor sich hin pulsiert und orgelt, von einem Bass angetrieben – da sind die deutschen Krautrocker Can gedanklich nicht weit weg. „Unmade“ dagegen ist eine zarte Balladenschönheit, einer der wenigen Momente, bei denen man sich beruhigt und warm eingehüllt zurücklehnen kann, wie auch beim kurzen Choral „Sabbath Incantation“. Aber man muss eben auf der Hut sein und weiß nie genau, was einen erwartet auf diesem ambitionierten, aufregenden Album.

Thom Yorke:  Suspiria
(Beggars/XL Recordings).

„Bitte mal Applaus für unsere Mönche!“ Powerwolf in Saarbrücken

Powerwolf in Saarbrücken, 17. Novemver 2018

 

Am Ende, als ein paar Tausend Fans glücklich in die kalte Nacht strömen, da schwebt der Mond über der Saarlandhalle. Leider lunar etwas mickrig, ein Fast-Halbmond. Wie gut hätte da ein satt strahlender Vollmond gepasst, wie aus einem Werwolf-Film – aber man kann ja nicht alles haben. In der Halle allerdings, da haben die Fans so ziemlich alles bekommen, weswegen sie zu Powerwolf gehen. Donner und Blitz, Heavy Metal, eingängige Refrains, Publikumsanimation – eine Rundum-Sorglos-Show, Profi-Entertainment.

Als Feierabendprojekt hat die Saarbrücker Band einst angefangen, heute ist das Quintett die erfolgreichste deutsche Heavy-Metal-Band in Deutschland; die jüngsten Alben schafften es mindestens in die Top 3, sie ist weltweit unterwegs, spielt in großen Hallen. Der Samstag in der vollen Saarlandhalle ist das Finale des ersten Tourabschnitts zum jüngsten Nr.1-Album „The Sacrament of Sin“ (auf dem unter anderem die alte Kirchenorgel von Thionville verewigt ist), 2019 geht es dann international wieder weiter. Es läuft also bei der Band, und man merkt es: Groß ist der Aufwand und sehr gut der Sound. Flammenwerfer schießen Feuerfontänen in die Luft, das Bühnenbild mit scheinbaren Relikten einer alten gotischen Kirche, zwei begehbaren Ebenen, Bildern von Wölfen und staubigen Ruinen verströmt einen wohligen Retro-Grusel. Dass auch ein paar Mönche umher wandeln, wundert da gar nicht.

 

Hier malocht die Band kraftvoll, in vorderster Reihe Sänger Attila Dorn (ein schöner Künstlername), zugleich Zeremonienmeister und Animateur, mit einer Aura irgendwo zwischen Rasputin, Bud Spencer und Ivan Rebroff, der die Fans gerne R-rollend mit „Meine lieben Frrrreunde“ anspricht und dabei ein bisschen wie der selige Bela Lugosi als Graf Dracula in den 1930ern klingt. Kraftvoll singt er sich durch Nummern wie „Demons’s are a girl’s best friend“, „Amen & Attack“ und auch „Resurrection by Erection“, laut Dorn ein Stück über die „Auferstehung, untenrum“. Man ahnt es: Mit dem heiligen Ernst, der manch andere Heavy-Metal-Bands beseelt, haben Powerwolf nichts im Sinn. Man wird sogar den Verdacht nie völlig los, dass sich hinter den weißgekalkten Gesichtern gewitzte Ironiker verbergen, die das Musik-Genre, das sie offenkundig lieben, genüsslich und gekonnt auf die Spitze treiben: das faustreckende Publikumsanheizen von Keyboarder Falk Maria Schlegel, die Refrains mit viel „blood“, „fire“, „night“, „demons“ und cross“, die Gitarren-Rockgott-Posen von Matthew Greywolf und Charles Greywolf. Nur Schlagzeuger Roel van Helden macht einfach seine musikalische gute Arbeit, er hat hinter seiner Schießbude genug zu tun.

Die Musik ist maximal eingängig zum Mitsingen und Faustrecken, die Band spielt kompakt und wie aus einem Guss, das ist famoses Handwerk mit hohem Tempo; immerhin eine Ballade zum Schwenken der vielen Handys gibt es, dann geht es wieder hochtourig um Dämonen, den Papst, die Kreuzzüge – und vor allem um das Gemeinschaftserlebnis. Vielleicht liegt es daran, dass die Band in der Heimat gastiert – aber einen solchen Einklang zwischen Musikern und Publikum erlebt man nicht oft. Immer wieder applaudiert die Band den Fans, die wiederum den Bandnamen skandieren, wie Wölfe heulen, einmal im Kollektiv niederknien und auf Dorns Anweisung den isländischen WM-Schlachtruf durch die Halle tönen lassen – wenn auch mit „Blut“ statt „Huh“ (was vor Ort weniger bedrohlich klingt als es sich liest). Überhaupt wirkt Dorn („bitte mal Applaus für unsere Mönche!“) wie ein souveräner Anheizer mit der Erfahrung von 1000 Stadtfesten. Wenn er die Halle zum Gesangswettbewerb in Gruppen teilt, „wie Moses das Rote Meer“, wenn er den Fans das Mitsingen erklärt, könnte das ein bisschen plump oder absurd wirken – aber es ist einfach ein großer Jux, ein liebgewonnenes Ritual, ein Rock-Klischee, das gepflegt wird, zur Freude aller. „Wie ich sehe“, sagt Dorn zufrieden mit Blick ins Rund, „sind wir alle vom Heavy Metal gesegnet“. So ist es.

 

 

Die BBC-Serie „White Gold“ auf DVD

Willkommen bei „Cachet Windows“ (von links): Die drei Doppelglasfenster-Verkäufer Fitzpatrick (James Buckley), Vincent Swan  (Ed Westwick)  und Lavender (Joe Thomas). Foto: BBC /Polyband

 

England 1983 – Doppelglas-Fenster sind das Produkt der Stunde. Die brillante BBC-Serie „White Gold“ erzählt von drei Verkäufern im Hinterland, ihrem Ehrgeiz und ihren Mauscheleien.

Einen Rauchmelder hat er wohl nicht im Schlafzimmer. Denn der würde Alarm schlagen, angesichts der dichten Haarspray-Wolken, mit denen Vincent Swan jeden Morgen seine akkurate Frisur betoniert. Der Scheitel sitzt, und los geht es in den neuen Tag, der viel verheißt – viel Geld. „Es ist nicht illegal, Menschen Dinge zu verkaufen, die sie sich nicht leisten können“, ist Swans Motto und Mantra. Wir schreiben das Jahre 1983 und sind in einem ländlichen Ort im England unter Margaret Thatcher. Die Hauptstadt ist weit weg, soziale Unruhen sind es  erst einmal auch.

„Wanker“

„White Gold“ heißt diese exzellente BBC-Serie, deren erste Staffel jetzt auf DVD erscheint (eine zweite Staffel soll demnächst gedreht werden). Jenes titelgebende „weiße Gold“ ist der billig zu produzierende und teuer zu verkaufende Kunststoff, der das Wunderwerk Doppelglasfenster in der Fasson hält. Diese Fenster verkauft Swan en masse und mit einem Gewinn von 600 Prozent. Dabei helfen  ihm sein gutes Aussehen (als wäre der Alain Delon der 1960er Jahre in der britischen Provinz gelandet), sein unbändiger Ehrgeiz, Narzissmus, seine Skrupel- und Gnadenlosigkeit. Dass jemand großflächig das Wort „Wanker“ („Wichser“) in den Lack seines Cabrios kratzt, ist absolut nachvollziehbar – Swan weiß das selbst am besten, was ihn auch wieder etwas sympathisch macht.

Autor und Regisseur Damon Beesley scheint neben einem Faible für rasante Komik ein düsteres Menschenbild zu haben – mit seinem Serienpersonal möchte man sich nur bedingt zum Fünf-Uhr-Tee treffen: Swans Kollege Fitzpatrick ist ein schnauzbärtiger Langweiler, der nur zur großen Form aufläuft, wenn er älteren Damen schamlos eine Renovierung der gerade erst frisch (von ihm) eingebauten Doppelglasfenster aufschwatzt; der mittelscheitelige Kollege Lavender ist da rücksichtsvoller, aber er wird sich im Laufe der Serie der kollektiven Schlechtigkeit anpassen – erst einmal muss er das Trauma (und den Kollegenspott) überwinden, dass er als Bassist bei Sänger Paul Young ausstieg, Wochen bevor der mit „Wherever I lay my hat“ zum großen Star wurde.

 

Egomane de luxe: Vincent Swan (Ed Westwick). Foto: BBC /Polyband

Um dieses Trio rotiert ein Karussell mit plastisch bis drastisch gezeichneten Figuren: der konstant schreiende Firmenbesitzer etwa; der berüchtigte lokale Gangster, der gerne mit der foltertechnisch effektiven Kombination von Genitalien und Schraubstöcken droht; eine Sekretärin, die man in politisch weniger korrekten Zeiten als strohdumm hätte bezeichnen dürfen; der Handwerker der Firma, der seine 16-jährige Tochter als „Seite 3“-Model groß herausbringen will. Es ist schon eine Galerie des menschlichen Grusels, in der bestenfalls noch Swans Frau und Verkäufer Lavender als halbwegs integre Figuren die Fahne der Unbestechlichkeit hochhalten – doch auch sie haben letztlich ihren Preis. Genau wie die Beamtin vom Finanzamt, die von Swan 50 000 Pfund fordert, doch kurzfristig über ihr Faible für den hübschen Verkäufer Lavender stolpert und über ihre erotische Vorliebe für ins Ohr geraunte Steuernummern.

Frei ab 16

Will Autor/Regisseur Beesley hier vor allem den brutalen Thatcherismus der 1980er Jahre geißeln? Oder den aktuellen neoliberalen Irrglauben an einen Markt, der ja alles regelt? Wohl beides, wobei die Serie nie ins Polit-Predigen verfällt. Sie ist zu sehr damit beschäftigt, diese sechs halbstündigen, rasant erzählten Episoden anzufüllen mit flott-deftigem Sprachwitz (dem die deutsche Synchronisation nicht ganz gerecht wird), mit manchen derben Ideen (völlig zurecht erst frei ab 16) und bizarren Situationen.

Vincent Swan mag ein Egozentriker sondergleichen sein, aber man begleitet ihn doch gerne bei seinem Auf-, Ab- und Wiederaufstieg. Der britische Schauspieler Ed Westwick („Gossip Girl“) gibt ihm eine enorme, manchmal manische Energie mit: wenn er Kollegen aufs Kreuz legt, seine Frau mit der Lehrerin des Sohns betrügt (auch aus Frust, weil er bei einem Schulausflug zu viel „Andrew Fucking Lloyd Webber“ hören musste), wenn er seinen Chef ruiniert und sich ab und an direkt an die Kamera wendet, um uns zu erkären, dass das jetzt ein besonders mieser Trick war, „sogar für meine Verhältnisse“.

Garniert ist das Ganze mit zahlosen Musikstücken aus den 80ern. Joe Jacksons „Steppin’ Out“ ist ein Leitmotiv, dazu hört man The Jam, The Stranglers, Gary Numan, Duran Duran, Depeche Mode und Kollegen. Je nach Alter des Zuschauers ist das nostalgisches Labsal – und bildet einen schönen Kontrast zwischen wohligem Wiedererkennen der Musik und dem tragikomischen Grusel angesichts des Treibens dieser Narzissten in der Provinz.

Erschienen bei Polyband. Sechs halbstündige Folgen.
Bonus: Drehbericht.

Mustergültig: „Der wilde Planet“ erstmals auf Blu-ray

"Der wilde Planet" René Laloux Roland Topor Camera Oscura Mediabook

Das Draag-Mädchen Tiwa.        Foto: Camera Obscura

Hut ab vor den kleinen, feinen Heimkino-Firmen. Die großen Studios pflegen die Filmgeschichte zunehmend weniger und sitzen auf prallen Archiven mit älteren Filmen, die vielleicht keine Konsens-Klassiker, aber wertvoll sind und dennoch nicht veröffentlicht oder mindestens unterlizensiert werden. Und wirklich wertvolles Bonus-Material – abseits des üblichen PR-Interview-Gedöns’ – scheint ihnen auch immer weniger wichtig.

Umso erfreulicher, dass kleine Firmen, etwa Bildstörung oder Camera Obscura,  mit  Idealismus herausragende Editionen zusammenstellen. Etwa „Der wilde Planet“, eine Perle des europäischen  Kinos und ein Klassiker des Animationsfilms. Rundum-Künstler Roland Topor (1938-1997) und Regisseur René Laloux (1929-2004) hatten schon in den 1960ern einige Kurzfilme zusammen gedreht, 1973 wurde ihr Langfilm „Der wilde Planet“ ein Triumph. In eine bizarre Welt führt uns der Film. Eine junge Mutter und ihr Kind flüchten panisch vor einer riesigen blauen Hand – die gehört zu einem der Draags, den hochentwickelten Bewohnern dieses Planeten, die die eher versehentlich vom Planeten Erde mitgenommenen kleinen Menschenwesen als skurrile Haustiere halten. Das kleine Kind überlebt die Verfolgung durch zwei Draag-Jugendliche, die Mutter nicht; so nimmt sich eines der Kinder des Erdenmenschen an und nennt es „Terr“ (aufschlussreicherweise als Koseform von Termite). Mit einem Halsband, das Terr dahin zieht, wo man ihn haben will, beginnt sein Leben bei den Draags, die am liebsten meditieren und Mitgefefühl nicht zu ihren herausragenden Eigenschaften zählen. Über die Jahre eignet sich Terr das enorme Wissen der Draag an und findet Gleichgesinnte bei seinem Wunsch nach Rebellion.

 

"Der wilde Planet" René Laloux Roland Topor Camera Oscura Mediabook

 

Diese Geschichte um Unterdrückung und Freiheit, um Flucht und rivalisierende Kulturen erzählt der Filmen in manchmal fast surrealen Bildern – Topors Fantasie scheint grenzenlos, er stattet diese ferne Welt mit bizarren Wesen aus und mit überirdisch wirkenden Bildern. Dazu hat der französische Musiker Alain Goraguer (zeitweise ein Wegbegleiter Serge Gainsbourgs) eine psydelisch anmutende Musik zwischen Jazz und sanftem Rock komponiert; sie lässt an die Klänge denken, die die Landsmänner von „Air“ Dekaden später aufgenommen haben.

Der faszinierende Film liegt nun erstmals hochauflösend auf Blu-ray vor, und das Bonus-Material lässt tief eintauchen in seine Welt und die der Künstler: Vier Kurzfilme von Laloux sind dabei (1964 bis 1987), dazu das einstündige Porträt „Topors Träume“ von 1994 und ein Film über René Laloux, charmant „Laloux sauvage“ betitelt. Mit T-Shirt, Bart und Bäuchlein sieht er wie ein Onkel von Kollege Luc Besson aus und erzählt von den Schwierigkeiten beim Dreh von „Der wilde Planet“ – bei den Vorbereitungen zog sich Topor zurück, „weil seine Mutter meinte, der Film wäre nicht gut für ihn“. Und um mit dem knappen Budget auszukommen, drehte Laloux den Film im damals kommunistischen Prag der Niedriglöhne. Die Ironie angesichts eines Films über Klassenkämpfe und Unterdrückung ist ihm bewusst: „Wir waren die ersten Franzosen, die die Globalisierung ausgenutzt haben.“

Der Film ist bei Camera Obscura erschienen.

Informationen bei Facebook:
@CameraObscuraFilmdistribution

 

"Der wilde Planet" René Laloux Roland Topor Camera Oscura Mediabook

Burghart Klaußners Romandebüt „Vor dem Anfang“.

Burghart Klaußner Gene Glover Das schweigende Klassenzimmer Der Staat gegen Fritz Bauer

Burghart Klaußner, fotografiert von Gene Glover.

 

Ist das Ende ein Traum? Eine Todesfantasie? Oder  doch die Realität? Die letzten Seiten wirken jedenfalls wie eine Verheißung – die Luft ist warm, der Rauch der Zigaretten steigt girlanden­gleich in die Höhe, „eine Art Sommer“ ist da, und die Zukunft gleich mit. Ein brutaler Kontrast zu den 24 Stunden davor, in denen die Soldaten Fritz und Schultz durch ein zerbombtes Berlin fliehen, auf dem Rad, zu Fuß, mit einem Boot, ständig in Angst vor den Russen, vor deutschen Feldjägern, die die beiden für Deserteure halten könnten, vor dem Tod aus der Luft. Davon erzählt „Vor dem Anfang“, das Romandebüt von  Burghart Klaußner. Der 68-Jährige spielt an der Bühne, im Fernsehen und Kino („Die fetten Jahre sind vorbei“, „Der Staat gegen Fritz Bauer“), inszeniert am Theater und tritt auch als Sänger auf – jüngst beim Neunkircher Günter-Rohrbach-Filmpreis.

Nun also ein Roman, ein gelungener. Das Schreiben, sagt Klaußner, lasse ihn ganz genau hinschauen, das Leben wie unter einem Mikrokoskop betrachten. Entsprechend ist seine Erzählperspektive: Als Leser sind wir den Figuren ganz nah, wir wissen nicht mehr als sie, sehen nur, was sie sehen: Momentaufnahmen, episodische Schlaglichter aus Berlin an einem Apriltag 1945. Fritz und Schultz, die sich bisher mehr oder weniger frontfern durchwurschteln konnten, sollen eine Geldkassette (mit 750 Reichsmark) möglichst schnell quer durch Berlin transportieren, von ihrem Flugplatz zum Reichsluftfahrtministerium. Eine absurde Mission angesichts der Lage: Alles löst sich auf, die russische Armee ist fast in Sichtweite. Doch der Auftrag ist dem Zwangsgemeinschafts-Duo ganz recht: Beide hoffen, sich danach irgendwie abzusetzen und das Kriegsende an einem sicheren Ort zu erleben.

 

 

Mit Zeitdruck, allgegenwärtiger Bedrohung und Figuren in ständiger Hatz baut Klaußner viel Spannung auf, wobei er manche Erwartung unterläuft: Erst scheint der ruhigere, besonnenere Schultz zur Haupfigur zu avancieren, doch dann folgt der Roman über weite Strecken dem anfänglich wenig sympathischen, zu lauten, zu dominanten Fritz. Quer durch Berlin geht es, durch Laubenkolonien („selbst die Bäumchen hatten etwas Geducktes“), in die bröckelnde Innenstadt, zur fast tödlichen Begegnung mit einem Feldgendarmen, am Funkturm vorbei, durch Hinterhöfe am Kottbusser Tor hinein ins dunkle Gemäuer eines Luftschutzkellers. Dort gelingt dem Buch eine der atmosphärischsten Episoden: wenn die Betondecke bebt, der Putz rieselt – und eine Frau mit Berliner Galgen-Witz „Ruhe da oben“ in Richtung Bomber schreit.

Einiger schwarzer Humor zieht sich durch den Roman, den Klaußner schnörkellos und unprätentiös erzählt, aber nicht simpel. Immer wieder flieht Fritz gedanklich zurück in bessere Zeiten, auf sein Boot „Traute“, das auch jetzt das Ziel ist. In dessen warmem Schiffsbauch will er sich flüchten. Das Segeln ist ein zentrales Motiv (Klaußner ist passionierter Segler, wie Fritz). Wenn der  sich an das Überleben eines nächtlichen Sturms erinnert, gehört das zu den intensivsten Passagen: Ein Blitz erhellt die Nachtschwärze, „Plötzlich sah man, wo man war! Im Weltraum“. Und der Donner nach dem Blitz „hatte eine klare Botschaft. Er kam direkt von Gott. Und er löschte jede Hoffnung aus.“ Diese regelmäßigen Rückblenden, bis auf eine Ausnahme stes elegant im Erzählfluss verankert, unterfüttern die Person Fritz, die uns immer näher kommt. Bis er jenen „Anfang“ erleben kann, den der Titel des Buchs verheißt, wird es noch eine lange Berliner Nacht.

 

Burghart Klaußner: Vor dem Anfang. Kiepenheuer & Witsch, 173 S., 18 €.

Lesung: Freitag, 14. September, 20 Uhr, Filmhaus Saarbrücken. Karten gibt es bei der Buchhandlung Raueiser am St. Johanner Markt 26, Tel. (06 81) 37 91 80.

Hohe Gagdichte: „Amazonen auf dem Mond“ auf Blu-ray

Es ist einer der schönsten, weil trockensten Gags in diesem Film: Ein Wissenschaftler mit der Stirn in Sorgenfalten hebt an zu einem Monolog über die nachlassende Konzentrationsfähigkeit der heutigen Jugend. Sie sei eben unfähig, sich länger einzulassen auf einen Gedanken – und mitten im Satz bricht die Szene ab, Themenwechsel. Der Film hat sozusagen umgeschaltet.

So geht es munter weiter in dem Episodenfilm mit dem schönen Titel „Amazonen auf dem Mond“, der jetzt erstmals in einer schönen Edition als Blu-ray erscheint. US-Regisseur John Landis („Blues Brothers“) hatte 1987 ein paar Kollegen zusammengetrommelt, um einen möglichst knalligen Episodenfilm ins Kino zu bringen. Landis war 1977 mit dem ähnlichen Jux „Kentucky Fried Movie“ ein Geniestreich mit höchster Gagdichte gelungen. „Amazonen“ knüpft da nicht ganz an, ein, zwei Episoden schwächeln etwas – aber es gibt enorm viel zu entdecken. Der Film simuliert einen nächtlichen Fernseh­abend, Umschalten und Bildstörungen inklusive, dessen Fundament die Ausstrahlung eines alten (fiktiven) Science-Fiction-Films ist: eben „Amazonen auf dem Mond“, in dem wackere US-Astronauten den Erdtrabanten komplett weiblich bevölkert vorfinden, dort das Matriarchat stürzen und einige Amazonen mit nach Hause nehmen, auf dass sie kompetente US-Hausfrauen werden. Filmisch grandios gemacht ist das, mit viel Gespür für den Zeitgeist des 1950er-Jahre-Kinos, für flache Dialoge und sympathisch hingestümperte Spezialeffekte. von anno dazumal.

Immer wieder unterbrochen wird der Fortgang des Films im Film etwa von einer Werbung für Toupets (in Form von an den Kopf getackerten Teppichresten) und von einer Petition des (realen) Blues-Musikers B.B. King: Er ruft auf zur Unterstützung der Kampagne „Blacks without Soul“ und zeigt als mahnendes Beispiel einen schwarzen Schnulzensänger mit Glitzerhemd und süßlichem Dauergrinsen. Zwischendurch wird ein Mann Opfer seiner Wohnung (Müllschlucker und Videorekorder können eben tödlich sein), und ein pseudowissenschaftliches „Infotainment“-Programm beweist, dass die Identität von Jack the Ripper tatsächlich das Monster von Loch Ness ist. Medial galoppierender Wahnsinn.

Die vielleicht beste Episode verbindet surrealen Witz mit großer Liebe zur Filmhistorie. Als Hommage an die schwarzweißen Gruselfilme der 1930er Jahre erzählt „Son of the Invisble Man“ von einem Wissenschaftler, der glaubt, sich unsichtbar gemacht zu haben – leider zu Unrecht, mit blamablen Folgen. Es ist ein Vergnügen, wie kongenial diese Szenen die Stimmung und Filmsprache der alten Gruselproduktionen rekonstruieren. Überhaupt spürt man, dass Landis und seine Kollegen (vor allem Joe Dante) Liebhaber der Filmgeschichte sind – es wimmelt von Hommagen und Verweisen. Nicht alles, was sie gedreht haben, wurde damals verwendet; im Bonusmaterial der Blu-ray findet man diese Szenen aber: darunter eine, in der ein Theater neues Publikum finden will, indem es seine Darsteller an Drähten durch die Szenerie sausen lässt – während sie Tschechow deklamieren.

Erschienen auf Blu-ray im Steelbook bei Turbine Medien.

http://www.turbine.de

„Selbstportrait“ von Anton Corbijn, eine kleiner feiner Band.

Mick Jagger Anton Corbijn Rolling Stones U2 Depeche Mode

Ja, das ist Mick Jagger. Anton Corbijn hat ihn 1996 in Glasgow aufgenommen.            Foto: Anton Corbijn 2018 / courtesy Schirmer/Mosel

 

Guten Tee kochen kann er jedenfalls nicht. Unter anderem das erfährt man über Anton Corbijn in dem kleinen Band „Selbstportrait“, in dem der Holländer auf sein Innenleben blickt und auf seine Arbeit; die kennen wohl auch jene, die mit seinem Namen nichts anfangen können. Als Fotograf hat Corbijn unzählige Künstler aufgenommen (meist in kontrastreichem Schwarzweiß): Frank Sinatra, Nirvana, Björk, James Last, Luciano Pavarotti, David Bowie, Clint Eastwood, Gerhard Richter und viele, wirklich viele mehr. Für Depeche Mode, U2 und Herbert Grönemeyer wurde er in Sachen Optik eine Art künstlerischer Leiter, der vorübergehend den gesamten  Auftritt konzipiert hat – Fotos, CD-Hüllen, Bühnendesign. Videoclips drehte er für so unterschiedliche Künstler wie Nick Cave oder die Rainbirds, Johnny Cash und Metallica, Roxette und Coldplay. Und fürs Kino inszenierte er unter anderem das Joy-Division-Bandporträt „Control“, die eigenwillige Killerballade „The American“ mit George Clooney und den Agentenfilm „Most wanted man“ mit Philip Seymour Hoffman. Das arbeitssatte Künstlerleben eines fliegenden Holländers.

Mittlerweile ist Corbijn 63 Jahre alt und lebt nach knapp drei Dekaden in London (mit Herbert Grönemeyer als Nachbar, wodurch ihre Zusammenarbeit begann) nun in Den Haag. Dort hat ihn die Journalistin Marie Noel-Rio zu seinem Leben befragt. Das Ergebnis ist dieser kleine, feine Band, eine Verbindung aus knappem Text (39 Seiten) und 24 Fotografien, auf die sich Corbijn im Text zum Teil bezieht – darunter Robert DeNiro, Nina Hagen, Marianne Faithfull und er selbst. Noel-Rio ließ den Künstler erzählen, man trank Corbijns mauen Tee – „so wie ihn Jungs zubereiten: mit nicht ganz heißem Wasser und mit Teebeuteln“, wie die Journalistin protokolliert. Das Erzählte hat sie zusammengefasst und „lediglich ein bisschen Ordnung hineingebracht“.

Corbijn erzählt da etwa vom Gefühl einer gewissen Heimatlosigkeit, das ihn stets treu begleitet. Die Hälfte seines Lebens hat er im Ausland verbracht, vor allem in England, viel auf Reisen – meist plagte ihn da eine Sehnsucht nach der alten Heimat, die „Vorstellung, dass die Dinge einfach sind in Holland“; eine stille, etwas diffuse Sehnsucht, die sich nun in Den Haag nicht erfüllt hat. Ein bisschen schwierig ist es halt überall. In England, seinem Sehnsuchtsort, als er fürchtete, nie aus den Niederlanden herauszukommen, schätzt er vor allem die Haltung der Briten, auf die Dinge und Unbilden des Lebens mit Humor und einer gewissen Distanz zu reagieren. In England ziele etwa die Frage, wie es einem gehe, nicht auf eine wirklich ehrliche Antwort ab. Das habe seine Vorzüge, findet Corbijn, der emotional lieber für sich bleibt. In den Niederlanden ist „alles so aufrichtig, so rechtschaffen und wirklich selbstzentriert“.

 

David Bowie Anton Corbijn Rolling Stones U2 Grönemeyer

David Bowie, fotografiert 1980 in New York.            Foto: Anton Corbijn 2018 / courtesy Schirmer/Mosel

 

Die Fotografie, die Corbijn Weltruhm einbrachte, war bloß ein Mittel zum Zweck: nämlich dem nahezukommen, was ihn von früh auf wirklich interessierte: Musik und Musiker. Fotografie also als eine „List, ins Gelobte Land zu kommen“. Aber an Kunsthochschulen kam er nicht unter, es reichte immerhin zu einer Technischen Hochschule mit Fotokurs. Von seiner Arbeit leben konnte er in den Niederlanden allerdings erstmal nicht, denn „die Leute mochten meine Fotos nicht wirklich“. Mit 25 brach er auf nach England, ohne Job oder Geld – aber schon an seinem zwölften Tag in London nahm er seine damalige Lieblingsband auf, die 28 Jahre später auch Thema seines ersten Kinofilm wurde: die Düsterrock-Band Joy Division. Auf dem Schwarzweißbild von 1979, auch im Buch zu sehen, aufgenommen in einer U-Bahn, drehen drei Musiker der Kamera den Rücken zu; nur Sänger Ian Curtis  blickt gerade noch über seine Schulter in Richtung Linse. Das Gegenteil von Glamour oder kerniger Rock-Optik und heute ein legendäres Foto, das eine Band und ihre Zeit treffend widerspiegelt. „Niemand mochte dieses Foto“, sagt Corbijn, „bis sich Ian Curtis einige Zeit später das Leben nahm, da wollten es alle Magazine veröffentlichen.“

Fünf Jahre lang war Corbijn Cheffotograf des „New Musical Express“, damals das stil- und meinungsbildende Pop-Zentralorgan. Eine wichtige Stelle mit ärmlichem Gehalt in einer teuren Stadt, aber, so sagt es Corbijn, „ich bin Protestant genug, um nicht unterzugehen“ – ein Satz, bei dem man gerne sein Gesicht gesehen hätte, um zu wissen, wie ernst oder unernst er das meint. Den ihn selbst überraschenden Weg zum Kino („Ich habe nie einen Plan verfolgt“) ebnete ihm die Arbeit als Regisseur von Videoclips, deren größte Schwierigkeit für den introvertierten Corbijn darin lag und liegt, nicht alleine vor sich hinarbeiten zu können. Das größte Ziel: Seine Kinobilder sollen nicht so aussehen wie seine Fotografien. Die größten Inspirationen: Der französische Komik-Feingeist Jacques Tati und der russische Regisseur Andrej Tarkowski („Solaris“, „Stalker“).

Für Musik und Musiker interessiert sich Corbijn heute deutlich weniger, bei ihnen herrschten nur noch großes Geschäft und Social-Media-Hysterie, sagt er im Buch. Ein klassischer Fall vom Älteren, der die Popkultur der Jüngeren nicht mehr versteht? Sei’s drum – er fotografiert heute lieber Maler, „bei ihnen treffe ich auf die meisten Geheimnisse“. In Zukunft will er es sich wieder stärker dem Kino widmen – diese Art, „diese visuelle Sprache zu denken“, will er besser verstehen lernen. Und Schwarzweiß soll es wieder werden, wie in seinem Debüt „Control“.

Altersmilde oder ein Blick zurück in Nostalgie sind Corbijns Sache nicht – auch als Mittsechziger sieht er sich noch als Suchenden und schließt den Band charmant so: „Ich habe keine Vorstellung davon, an welchem Punkt meines Lebens ich mich befinde. Ich bin da. Das ist alles.“

Anton Corbijn: Selbstportrait. Im Gespräch mit Marie-Noel Rio. Schirmer Mosel, 96 Seiten, 24 Abbildungen, 22 Euro.

Anton Corbijn 2018 / courtesy Schirmer/Mosel

Foto: Anton Corbijn 2018 / courtesy Schirmer/Mosel

Die Stasi, dein Freund und Helfer: das Fernsehspiel „Filmemacher“ auf DVD

Filmemacher Studio Hamburg Jenny Gröllmann

 

 

Lange Gesichter (von den langen Koteletten ganz zu schweigen) bei der „Bild“-Zeitung im Jahre 1971. Da will man gezielt gegen die Mauer zwischen Ost- und Westdeutschland anschreiben, aber es fehlen die Argumente. Schließlich, das legt uns der Film nahe, will ja niemand von Ost nach West fliehen. Und internationale Besucher, denen die kapitalistische Westpresse einbläut, bei der DDR habe man es mit einem Staat des Schreckens zu tun, finden den vor Ort einfach nicht. Und selbst das Ost-Bier sei so gut wie das des Westens. Was also tun? Im Axel-Springer-Hochhaus und seinem eigens eingerichteten „Public Relations“-Büro findet man eine Lösung: Wenn schon kein Ossi fliehen will, dann muss man eine Republikflucht eben inszenieren.

„Filmemacher“ heißt diese Produktion des DDR-Fernsehens aus dem Jahr 1971, die jetzt auf DVD erscheint und eine hoch interessante Ausgrabung ist – kann man hier doch genau beobachten, wie ein Staat sich inszeniert, was er nicht einmal verschleiert: „Mitarbeit: Pressestelle des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR“ vermerkt der Abspann dieses Films, in dem der Westen eine Mischung ist aus Hinterhältigkeit und Dekadenz. In einer Filmhochschule des Westens beginnt es, wo ein bizarres Schwarzweißwerk begutachtet wird (ein Mann ohrfeigt eine Frau und sagt „Ich liebe Dich“). Die vornehmlich männliche und schnauzbärtige Studentenschaft fabuliert vom „heterogenen Partizipieren“ und „der neuen Dimension“ – so sind sie halt, die Verpeilt-Verkopften. Zwei Männer belauschen das und urteilen: „liberale Scheißer“. Sie sind nur hier, um sich den aufgedonnerten Künstler-Duktus für ihren nächsten Geheimauftrag anzutrainieren: Im Auftrag der „Bild“ sollen sie im Osten zwei Frauen finden, die sie zur Flucht aus der DDR überreden können – sie geben sich als Filmemacher aus, die sie im goldenen Westen ganz groß rausbringen wollen.

„Bei Jungfilmern schlafen mir die Füße ein.“

Doch der vorgeblich antikapitalistische Anmachspruch „Wir suchen ein sauberes, neues Gesicht – nicht angekränkelt von der Konsumgesellschaft“ zündet erstmal nicht: Denn die Pseudo-Filmer aus dem Westen sprechen in einem Ost-Lokal ausgerechnet zwei Frauen an, die sich beim Film bestens auskennen – sie sind Schnittmeisterinnen und stammen aus dem künstlerisch eher konservativen Lager: „Bei Jungfilmern schlafen mir die Füße ein.“ Das West-Duo landet mit „der Filmemachertour“ dann aber doch – bei zwei jungen Frauen, die gesellschaftlich noch nicht ganz gefestigt sind und aus ihrer Erziehungseinrichtung getürmt sind. Die Wessis wollen sie nach Hamburg locken und fädeln eine raffinierte Flucht ein. Aber längst weiß das  Ministerium für Staatssicherheit Bescheid,  da der Bruder eines der Frauen und der freundliche Volkspolizist aus der Nachbarschaft genau hinschauen. Ein Stasi-Major, Typus väterlich-korrekter Mathematiklehrer, schaltet sich ein, rettet die Lage, rückt den Fast-Flüchtigen den Kopf zurecht („Ich hoffe , Sie haben etwas gelernt“) und bietet galant zwei West-Frauen, die Teil des Plans waren, noch ein Abendessen vor dem Eskort in deren Heimat an. Die Stasi, Dein Freund und Helfer.

Man mag die Bedächtigkeit des Films belächeln, seine trampelige Polit-Didaktik und angestaubte 70er-Jahre-Sätze wie „Sag mal, Du bist ja wohl völlig verschmort!“ – aber durch alles zieht sich ein Grusel angesichts der Schamlosigkeit, wie sich die Stasi hier als kollektiver guter Onkel in Szene setzt. Im Finale tritt der böse Westen noch einmal nach. Die „Berliner Zeitung“ titelt „Neuer Terror“, obwohl doch gar nichts passiert ist. So ist sie eben, die Lügenpresse des Westens.

Erschienen bei Studio Hamburg.  

 

Filmemacher Studio Hamburg Jenny Gröllmann

„Diese 1000 Leben sind zu schnell vergangen“ – Belmondo blickt zurück

 
Jean-Paul Belmondo, eine Legende des französischen Films, ist jetzt auch schon 85 Jahre alt. In einem munteren Buch blickt er zurück auf ein Leben, in dem er vor allem seinen Spaß haben wollte. Geglückt ist ihm das nicht immer.

 

„Diese 1000 Leben sind zu schnell vergangen, viel zu schnell“. Wehmütig beginnt Jean-Paul Belmondo seinen Erinnerungsband, und man muss ihm beipflichten. Lange vorbei sind die Zeiten, in denen er, als europäischer Action-Star, auf dem Dach von Pariser U-Bahnen über Seine-Brücken ratterte (in „Angst über der Stadt“) oder an einem Helikopter hängend über Venedig gondelte, in gepunkteten Unterhosen (in „Der Puppenspieler“). Und noch viel länger her ist die Zeit, als Belmondo, mit Kippe zwischen den Lippen, in „Außer Atem“ von Jean-Luc Godard im gallischen Kino einen ganz neuen Anti-Helden erschuf (und seine eigene Legende gleich mit): lässig, lakonisch und vom  Leben desillusioniert.

85 ist er nun, ledern braungebrannt, von einem Schlaganfall vor 17 Jahren gezeichnet, und  schaut zurück. Ein munter plaudernder  Band ist das, flott und anekdotenprall, wobei sich Belmondos Lebenseinstellung eindampfen lässt auf eine Kernaussage: Er wollte vor allem seinen Spaß haben und das Leben nicht zu ernst nehmen. Das hätten auch alle verstanden, bis auf die nörgelnden Kritikerschnösel.

Mit großer Zuneigung erzählt er von seinen Eltern und dem Wissen, „dass ich in eine intakte Familie ohne Geldsorgen geboren wurde, in der man sich gegenseitig liebte“. In der Besatzungszeit träumt der junge Jean-Paul davon, einen abgeschossenen US-Piloten lebend zu finden, zu verstecken und dafür bei Kriegsende einen Orden  an die Brust geheftet zu bekommen. Piloten sieht er, allerdings tote – der Pfarrer von Clairefontaine nimmt ihn mit in den Wald, um Abgeschossene zu bergen und zu begraben. „Wenn man noch ein Kind ist, ist der Tod weit weg“, schreibt Belmondo zwar, aber diese Erinnerungen haben sich eingebrannt.

Sauerkraut und Altherren-Duktus

Während der Vater rund um die Uhr bildhauert, nimmt die Mutter den Sohn in nahezu jedes Pariser Kino und Theater mit. Das Interesse des jungen Belmondost geweckt, der Berufswunsch klar – aber der Karrierepfad steinig. An der Schauspielschule kommt er erst beim dritten Versuch an, und ein Lehrer kränkt ihn zeitlebens mit einem harschen Satz, den man küchenpsychologisch als Triebfeder sehen könnte für Belmondo Karriere und Leben: Zu hässlich sei er für Liebhaberrollen, zu unbegabt für wirklichen Erfolg. So kann man sich irren.

Als unentdeckter Schauspieler in Paris erlebt er „die besten Jahre meines Lebens“, wie er schreibt, er frönt seiner Liebe zu Streichen, mischt etwa ein elitäres Edellokal auf, in dem er einen epileptischen Anfall vortäuscht und Tische umwirft, auf dass Sauerkraut auf die „Dauerwellen der alten Schachteln“ herniederregnet. Das  muss man nicht zwingend lustig finden, auch nicht seinen Hang zu manchmal chauvinistischem Altherren-Duktus, wenn er sich an alte Liebschaften erinnert: „Es stimmte schon, dass Mädchen mit 16 Jahren selten noch Jungfrauen waren, aber sie gaben dank ihrer Erfahrung die besten Ehefrauen ab.“ Mon dieu.

Algerienkrieg

Im Algerienkrieg wird er verwundet und erreicht seine Ausmusterung, so erzählt er es, durch die Einnahme von Amphetaminen, die seinen Körper ausgemergelt wirken lassen (ein Tipp des Kollegen Jean-Louis Trintignant), und durch betont abstruse Antworten bei einer Befragung. Zurück in Paris stagniert die Karriere wie gehabt, und Belmondo, nie „ungestümer und ehrgeiziger als in jenem Sommer 1955“, geht nach Rom. Im „Cinecittà“-Studio gibt es immer etwas zu tun, heißt es. Doch Belmondo findet das Studio nicht und reist ohne Geld  in einem Viehwagon zurück.

Immerhin: Die Theaterrollen werden größer, auch Filmrollen gibt es mittlerweile, durch die er sich manchmal noch mit großer Bühnengeste spielt. Einen Rat des Filmregisseurs Marc Allégret nimmt sich Belmondo zu Herzen: „Ein bisschen leiser, bitte.“ Kollege Jean Marais ist übrigens sehr angetan vom jungen Bébel: „Solltest Du zufällig einmal schwul werden, melde Dich.“

Diese Erinnerungen sind überwiegend heiter bis sonnig, lesen sich flott – und doch kann man als Belmondo-Anhänger ein wenig ungeduldig werden beim Warten auf die Schilderung von Bébels größter Zeit. Aber auf Seite 155 begegnen wir schließlich Regisseur Jean-Luc Godard, den Belmondo erstmal gar nicht mag: ein Trauerkloß  mit Sonnenbrille (auch in dunklen Räumen), das Gegenteil Belmondo. Doch gemeinsam schreiben sie Filmgeschichte, drehen „Außer Atem“ ohne Studiokulissen und ohne Drehbuch im strengen Sinn. „Ich hatte völlige Freiheit“, schreibt Belmondo, „es war schon fast beunruhigend.“ Der Film ist eine Sensation, Belmondo ist der Star eines jungen, frischen  Kinos – doch die  unkommerzielle Kunst der Intellektuellen allein ist ihm dann doch zu trocken: Die Dreharbeiten zum Film „Moderato Cantabile“, inszeniert von Peter Brook und nach einer Vorlage von Marguerite Duras, sind für ihn die quälendsten seiner ganzen Karriere. Solch „affiger Intellektualismus“ ist nichts für ihn. Viel mehr Spaß hat er da am Spontanen und Komödiantischen: ob im herrlichen Jux „Abenteuer in Rio“ oder in bunten Helden-Persiflagen wie „Ein irrer Typ“.

In den 1970ern dominiert Belmondo das französische kommerzielle Kino, er wird seine eigene Marke mit Filmen, die ganz auf ihn zugeschnitten sind, oft Krimis. „Der Greifer“, „Der Profi“, „Der Außenseiter“, „Der Windhund“. Der Star liebt die Gagen, die Arbeit, die Stunts in luftiger Höhe, die Späße: Gerne räumt er Hotelzimmer der Kollegen aus, indem er alles aus dem Fenster wirft, schwere Möbel vielleicht ausgenommen. Eine Alternative: Mehl in die Hotel-Klimaanlage stäuben. Oder das Herumwerfen von Couscous bei einer Filmpremiere. Ein bisschen albern wirkt das, aber Belmondo will eben, das erklärt er immer wieder gerne, ewig Kind bleiben, das „spielt und Grenzen überschreitet“. Aber man fragt sich manchmal schon, wer in den Hotels hinter ihm aufgeräumt hat.

Delon, der ewige Rivale

Ein Belmondo-Buch wäre ohne Alain Delon nicht komplett, dem anderen Mythos des gallischen Kinos der 60er und 70er. „Wie Tag und Nacht“ beschreibt  Belmondo ihren Kontrast. 1969 drehen sie gemeinsam den Gangsterfilm „Borsalino“ in Marseille; die Kinos sind gut gefüllt, die Rivalitätsfreundschaft aber schnell wieder abgekühlt – Belmondo fühlt sich durch die doppelte Nennung von Delon im Vorspann (als Darsteller und als Produzent) deklassiert. Ganze 27 Jahre später arbeiten sie wieder zusammen: Die Actionkomödie „Alle meine Väter“ wird aber nur ein mäßiger Erfolg, der ganz große Starglanz der beiden ist dahin. Es ist der Lauf der Welt.

Er wendet sich wieder stärker der Bühne zu, 1991 hatte er das Théatre des Varietés in Paris gekauft, „es war das Beste, was ich mit meinem Geld je machen konnte“. Ein wunderbarer Karriereherbst für  Belmondo beginnt, doch ein Schicksalschlag verändert alles: Seine Tochter Patricia stirbt bei einem Brand. „Der Kummer vergeht nie“, schreibt er, „er begleitet einen für immer.“ Die intensive Arbeit am Theater hilft ihm, „wenigstens ab und zu schlafen zu können“. Seinen Schlaganfall von 2001 erwähnt  Belmondo nur kurz, als wolle er ihm nicht zu viel Ehre antun. Jetzt, mit 85, fasst er sein Leben so zusammen: „Es war trotz aller Dramen und grausamer Tode, die einer Amputation gleichkamen, leicht und leuchtend.“

Jean-Paul Belmondo: Meine tausend Leben. Heyne, 320 Seiten, 22 Euro.

Schrecken der Kleinstadt: „Was der Himmel erlaubt“ von Douglas Sirk

 

 

 

So stellt man sich das Paradies vor: Das Herbstlaub vor den pittoresken Häusern leuchtet in Technicolor, eine Jahreszeit später rieselt der Schnee so sanft herab, als regnete es Wattebäusche – stakste gleich Bambi im Vorgarten vorbei, es würde niemanden wundern. Und doch trügt die Idylle: Wer sich hier nicht an die Regeln des Kleinstadtlebens hält, der sitzt schnell geächtet und allein im gepflegten Eigenheim.

Willkommen in der Welt von Regisseur Douglas Sirk (1897-1987). Der Hamburger, der eigentlich Hans Detlef Sierck hieß, flieht mit seiner jüdischen Frau vor den Nationalsozialisten nach Amerika und wird in Hollywood ein bekannter Filmemacher, auch wenn ihm künstlerische Anerkennung erst Jahre später zuteil wird: durch die französische Filmkritik und durch Kollegen wie Rainer Werner Fassbinder, der das Hohelied auf Sirk singt.

Die 1950er Jahre sind Sirks ganz große Zeit: In kunstvoll komponierten Bildern erzählt der Regisseur von Vorurteilen und Konventionen, die vor allem Frauen zu erdrücken drohen – in gefühlvollen, aber unsentimentalen Filmen wie „In den Wind geschrieben“, „Die wunderbare Macht“ und „Was der Himmel erlaubt“. Den kann man jetzt im Heimkino wieder entdecken, in einer neuen, sehr guten Edition auf hochauflösender Blu-ray mit neu abgetastetem, grandiosen Bild.

Der Film von 1955 erzählt von einer Witwe (gespielt von Jane Wyman) in einer malerischen US-Kleinstadt. Gediegene Trauer erwartet die Gemeinde von ihr, doch sie verliebt sich in einen Mann und verstößt doppelt gegen die Regeln. Denn der Gärtner ist a) nicht standesgemäß und b) auch noch jünger als die Witwe. Die Menschen reagieren erst mit kleinen Gesten. Eine erhobene Augenbraue hier, eine Anspielung da (etwa an der Metzgertheke). Ratschläge folgen, dann erhöht sich der Druck auf das Paar.

Wer Sirks Filme nicht kennt, muss sich hier vielleicht ein paar Minuten lang hineinfinden in diesen Kosmos, der anfangs wie ein nostalgisch schillerndes Kleinstadtparadies wirkt – doch „Was der Himmel“ hat inhaltlich seine Härten und ist formal aufregend: Wenn Sirk enorm kunstvoll Farben einsetzt, oft auch Spiegelungen, um eine ganz eigene Atmosphäre und Dramaturgie zu schaffen. Sein Ruf als Schauspielerregisseur kommt nicht von ungefähr – Wyman als liebende Witwe und Kleinstadtopfer ist herausragend, ebenso wie der immer gerne cineastisch-reflexhaft als hölzern geschmähte Rock Hudson, mit dem Sirk viele Filme drehte. Hier zeigt er eine schöne Verbindung aus Sensibilität und naturburschenhafter, herber, aber nicht tumber Filmstar-Männlichkeit.

Die neue Blu-ray bietet neben dem guten Bild eine isolierte Tonspur mit Musik und Klangeffekten, ein gutes Booklet und einen munteren Audiokommentar: Da unterhalten sich der Filmwissenschaftler Werner Kamp und Christian Bartsch (vom Heimkino-Label Turbine) über den Film, Sirks Bildkompositionen und Sirks Anhänger – etwa den erwähnten Fassbinder, der mit seinem Film Angst essen Seele auf (eine Frau verliebt sich in einen jüngeren Gastarbeiter) „Was der Himmel erlaubt“ die filmische Ehre erwiesen hat.

 

Blu-ray erschienen bei Turbine Medien.

http://www.turbine.de

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