KINOBLOG

Film und dieses & jenes, von Tobias Kessler

Kategorie: Allgemein (Seite 2 von 15)

Das Buch „Tarantino“

Quentin Tarantino Uma Thurman "Kill Bill" "Pulp Fiction" Harvey Weinstein Reservoir Dogs

Quentin Tarantino mit Uma Thurman bei der Arbeit an „Kill Bill“.  Foto:  Alamy – AF Archive

Auf Seite 11 ist die Welt noch in Ordnung zwischen Quentin Tarantino und Harvey Weinstein. Da posieren der Regisseur und der Produzent Schulter an Schulter: Weinstein als Förderer und Nutznießer von Filmemacher Tarantino, der wiederum in dem Studiomogul über Jahrzehnte einen mächtigen Unterstützer gefunden hatte. Heute ist die Lage eine andere: Weinstein ist in einem Skandal um, unter anderem, Vergewaltigungsvorwürfe untergegangen; Tarantino dreht seinen nächsten Film für ein anderes Studio und hat gerade Weinsteins nun bankrotte Firma auf in seinen Augen noch ausstehende Gewinne verklagt.

Weinsteins Sturz ist im jetzt bei uns erscheinenden Buch „Tarantino“ kein Thema, denn es stand in den USA schon im Oktober 2017 in den Läden, als der Skandal erst ruchbar wurde. Tarantino gab danach zu, er habe genug von Weinsteins Taten gewusst, um mehr zu tun, als er getan habe. Die nächste Entschuldigung folgte, als ein Interview mit ihm von 2003 auftauchte, in dem Tarantino  Roman Polanskis Missbrauch einer 13-Jährigen damit kommentierte, das Mädchen habe es ja so gewollt. Auch beinharte Tarantino-Fans müssen eingestehen, dass sein Image als Filmemacher mit dem Herzen auf dem rechten Fleck und einer Vorliebe für starke Frauenfiguren Risse bekommen hat. Um die kann es nun wegen der Entstehungszeit in Tom Shomes Buch nicht gehen, vielleicht aber in einer zweiten Auflage?

Quentin Tarantino Uma Thurman "Kill Bill" "Pulp Fiction" Harvey Weinstein Reservoir Dogs Robert Rodriguez Death Proof Planet Terror

Foto: Alamy – Everett Collection

Allerdings ist das Buch auch so lesens- und auch schauenswert, denn der schwere Band im Großformat ist opulent bebildert (250 Farbfotos auf 256 Seiten). Filmjournalist Shome zeichnet Tarantinos Karriere und Leben nach, auch die Jugend mit der Mutter (Ex-Schwesternschülerin) und ohne den abwesenden Herumtreiber-Vater. Oder wie Tarantino es ausdrückt: „Meine Mutter Arthouse, mein Vater B-Movie.“ Vom enthusiastischen Videothekshelfer mit enormem Filmwissen wird er zum Regisseur, schockt mit der Härte seines Debüts „Reservoir Dogs“, mischt das US-Kino mit der schwarzhumorigen Erzähllust von „Pulp Fiction“ auf und bleibt bis heute ein eigenwilliger Kopf, an dem sich die Geister fast schon traditionell scheiden.

Das lässt das Buch ebensowenig aus wie Enttäuschungen und Flops. Tarantino selbst sagt hier etwa über seine Stuntman-B-Movie-Hommage „Death Proof“: „Vermutlich mein schlechtester Film. Dafür war er gar nicht so übel.“

Interviewsätze wie diese, hier gerne groß auf blutrotem Hintergrund gedruckt, führen durch das informationssatte Buch, deren Bilder prägnante Szenenmotive zeigen und immer wieder Tarantino bei der Arbeit. Ob er die nach dem nächsten oder übernächsten Film tatsächlich einstellt, wie er schon lange ankündigt, um lahme Alterswerke zu vermeiden? Vorstellen kann man es sich nicht so recht.

Tom Shome: Tarantino – Der Kultregisseur und seine Filme.
Knesebeck, 256 Seiten, 40 Euro.

 

Quentin Tarantino Uma Thurman "Kill Bill" "Pulp Fiction" Harvey Weinstein Reservoir Dogs

Zwei Filme von Michael Cimino in mustergültigen Heimkino-Editionen.

Michael Cimino Heaven's Gate Clint Eastwood Die Letzten beißen die Hunde Jeff Bridges

 

 

Manche Filme werden von ihrem Nachbeben verschüttet, scheinbar auf ewig. So ist der Western „Heaven’s Gate“ untrennbar mit dem Ruin des Studios United Artists verbunden. Das Budget-Überziehen durch den scheinbar maßlosen Regisseur Michael Cimino machte den Film sehr teuer (40 Millionen Dollar waren 1980 für einen Film viel  Geld), der Misserfolg in den Kinos machte ihn ruinös. Nur: Was bleibt, denkt man an den künstlerischen, nicht den kommerziellen Wert? Ein episch breiter, eigensinniger, wagemutiger Film, der den Mythos des Westerns seziert. Der Regisseur schildert den historischen „Johnson County War“ (1890-1892): Viehbarone gehen brutal gegen europäische Einwanderer vor, die sie mit ihren winzigen Parzellen bei der Expansion stören. Mit Billigung des US-Präsidenten erstellen sie eine Todesliste, die angeheuerte Mörder dann abarbeiten.
Diese blutige und zeitlose KapitalismusGeschichte erzählt Cimino (1939-2016) in aller Ruhe, gleichzeitig mit aller Härte und so viel Detailversessenheit, was Kostüme und Bauten angeht, dass man sich über das Budget nicht wundert. Der Regisseur/Autor stand damals, nach dem Triumph seines Vietnam- und Amerikafilms „Die durch die Hölle gehen“, auf dem Höhepunkt der Macht. Er nutzte sie, um seine Vision des Westens und des Westerns ohne Einmischung auf eine ganz große Leinwand zu malen.

Michael Cimino Heaven's Gate Clint Eastwood Die Letzten beißen die Hunde Jeff Bridges Chrsitopher Walken

Christopher Walken in „Heaven’s Gate“. Foto: Capelight

Lange gab es in den Film als technisch mäßige DVD, nun erscheint er erstmal als Blu-ray in einer Edition, dank derer man sich tief in den Film versenken kann: Man kann Ciminos Ur-Version (220 Minuten) vergleichen mit der um 70 Minuten gekürzten, holprigen Fassung, die er auf Druck des nach ersten Verrissen panischen Studios anfertigte; Interviews führen zurück zu den Dreharbeiten: Cimono erzählt, dass am Anfang des Films seine Recherchen über die Erfindung des Stacheldrahts (!) standen. Jeff Bridges zieht Parallelen zur USA heute („Die Viehbesitzer sind heute die Ölfirmen“) und Kameramann Vilmos Zsigmond erinnert sich an des Regisseurs Wunsch, dass viele Filmbilder wie alte Fotografien aussehen sollten. In der Tat: So schön und gleichzeitig so gnadenlos hat man den Westen mit seinen Weiten und seinen schneebedeckten Bergen im Kino kaum gesehen.

 

Auch Ciminos Debüt mit dem nichtssagenden deutschen Titel „Die Letzten beißen die Hunde“ (1974) erscheint nun als exzellente Edition (mit Audiokommentar, Interviews, Booklet). An der Plot-Oberfläche erzählt „Thunderbolt and Lightfoot“, wie er im Original heißt, geradlinig von dem Gangster mit Spitznamen „Thunderbolt“ (Clint Eastwood), der von alten Kollegen gejagt wird, weil sie bei ihm die Beute eines gemeinsamen Raubzugs vermuten. Auf der Flucht begegnet ihm der junge Lightfoot (Jeff Bridges), der die Freundschaft des Älteren sucht. Von der erzählt Cimino sehr anrührend und überraschend, vor allem im Kontext der sonstigen Männerfiguren Clint Eastwoods (der den Film auch produziert hat). In dieser Männerfreundschaft schwingt durchaus Homo-Erotik mit, am Ende schlüpft Bridges in ein Kleid, und zwischendurch sieht Eastwood in einer Liebesszene mit einer Frau so gelangweilt aus, dass es schon komisch ist.

Der Film schwelgt in Bildern des  ländlichen Amerikas, er zeigt Motels, Tankstellen, Supermärkte und immer wieder grandiose Landschaften, deren Freiheit endlos zu sein scheint. Doch diese Freiheit gibt es nicht mehr (wenn es sie denn jemals gab). Das Amerika von Regisseur Cimino ist, ob hier oder in „Heaven’s Gate“, ein verwundeter Ort.

Beide Filme sind bei Capelight erschienen. Wer „Heaven’s Gate“ im Kino sehen will – er läuft Samstag und Montag ab 20 Uhr in der Kinowerkstatt St. Ingbert.

 

Michael Cimino Heaven's Gate Clint Eastwood Die Letzten beißen die Hunde Jeff Bridges

Clint Eastwood und Jeff Bridges in „Die Letzten beißen die Hunde“. Foto: Capelight

TV-Perle neu auf DVD: „Charlie Muffin“ von Jack Gold

Charlie Muffin David Hemmings Pidax House of Cards

Füße hoch, gerne auch im Büro: David Hemmings als Charlie Muffin. Foto: Pidax

 

Lange ist das her, aber die Älteren werden sich erinnern – die ARD hat früher mal Themenreihen angeboten (etwa über den Science-Fiction-Film) und auch Retrospektiven über Filmemacher. Einer  davon war damals der Brite Jack Gold (1930-2015), vor allem in den 1970ern ein Könner in vielen Genres: ob in dem utopisch angehauchten Polit-Thriller „Der Mann aus Metall“, dem Kriegsfilm „Die Schlacht in den Wolken“ oder im Genre des Übersinnlichen bei „Der Schrecken der Medusa“. Golds langlebigster  Erfolg ist der TV-Film „Der kleine Lord“, der seit 1980 in jedem Advent die Zuschauerherzen zuverlässig wärmt.

Einen der schönsten Gold-Filme hat nun die Riegelsberger DVD-Firma Pidax ausgegraben: „Charlie Muffin“, ein Fernsehfilm von 1979. David Hemmings, 13 Jahre zuvor durch Antonios „Blow Up“ zu einer Ikone der Swinging Sixties geworden, spielt einen Mann mittleren Alters, bei dem es nun weniger swingt. Er ist ein britischer Agent, den seine Vorgesetzten wegen seiner fachlich begründeten Arroganz mit Inbrunst hassen; da er den gemütlichen Durchschnitts-Dilettantismus des britischen Geheimdienstes durch seine Präsenz stört, versuchen seine Vorgesetzten schon mal, ihn beim Berliner Grenzübergang vom Osten in den Westen der DDR zuzuspielen. In Muffin köchelt es, doch seine große Stunde könnte schlagen, als eine russische Politgröße (Pinkas Braun) in den Westen überlaufen will – da kommen Muffins Chefs nicht an ihm vorbei.

Charlie Muffin David Hemmings Pidax House of Cards

Die Bürohengste, allen voran Cuthbertson (Ian Richardson, vorne). Foto: Pidax

Gold findet eine schöne Mischung aus Spannung und Komik. Hier geht es ebenso um den Kalten Krieg wie ums alltägliche Büro-Klein-Klein, um Hierarchien, Besserwisserei und die Kombination Buckeln/Treten. Die Dialoge sind ausgefeilt und bissig, die Darsteller in Form: Hemmings gibt den Weltmüden in schmutzigen Schuhen, seinen ihm in herzlicher Abneigung verbundenen Vorgesetzten spielt der brillante Ian Richardson. Er verkörperte ein paar Jahre später in „House of Cards“ (der Vorlage fürs US-Remake) lustvoll den größten Intriganten der britischen Regierung. Hier konnte er schon mal üben – es ist ein Genuss.

Erschienen bei Pidax Film.

Gary Numan in Luxemburg, 9.3. 2018, Kulturfabrik Esch

Gary Numan Savage Tour Esch Luxemburg Kulturfabrik Tubeway Army Cars

 

Böse und mysteriös blicken – ja, das kann er immer noch, als wäre es 1979. Da begann Gary Numan seine Popkarriere, eine der merkwürdigsten: mit Millionenverdiensten und Millionenschulden, mit Haartransplantationen, einem Flug um die Welt im eigenen Flugzeug und einem Flug in die Pleite mit der eigenen Plattenfirma. Aber Numan ist immer noch da, seit Donnerstag 60 Jahre alt, und einen Tag später zum ersten Mal in Luxemburg. Und als altem Fan geht einem das Herz auf, wie er da auf die Bühne der Kulturfabrik in Esch wandelt, blutrot beleuchtet, umwabert von Kunstnebel, umdröhnt von einem Synthesizer-Intro.

Er und seine Electromusik haben so manche Lebensläufe über Dekaden begleitet. 1979 ist er ein Phänomen – mit zwei britischen Nummer-Eins-Singles verhilft der Londoner, gerade 21, dem Synthie-Pop zum kommerziellen Durchbruch: mit der kühlen Ballade „Are friends electric?“ und „Cars“, einer Ode an das Sich-Zurückziehen. Über Nacht ist Numan reich, berühmt – und verhasst. Denn die britische Musikpresse mag weder das bewusst „Unauthentische“ an seiner Musik (keine Jeans, kein Männerschweiß, keine Gitarrensoli) noch seine bombastischen Bühnenshows und auch nicht seinen Neureichen-Gestus, mit dem er sich Sportwagen kauft und ein Flugzeug, mit dem er als Freizeitpilot um die Welt fliegt (in Indien wird er kurzzeitig wegen Spionageverdachts verhaftet).

Gary Numan Savage Tour Esch Luxemburg Kulturfabrik Tubeway Army Cars

 

Nach drei britischen Nummer-1-Alben in Folge verkündet ein überarbeiteter Numan 1981 mit großer Geste den Abschied von der Bühne (nur um 1982 kleinlaut zurückzukommen). Aber da haben sich viele Fans schon verabschiedet, nur ein beinharter Kern bleibt ihm treu. So treu, dass die ihm sogar Geld schicken, als sein eigenes Plattenlabel in die Pleite schlittert. In dieser Zeit versucht Numan alles, verbindet seine Electromusik mit Funk, lässt Backgroundsängerinnen jaulen. Nichts hilft. Anfang der 90er spielt er dann in Freizeitzentren in der Provinz.

Erst als Numan nicht mehr auf Radioeinsätze schielt, kommt die Wende. Die Musik verdüstert sich, er lässt sich von Weggefährten wie Depeche Mode und dem knirschenden Industrial Rock von Nine Inch Nails inspirieren und beginnt einen jahrelangen Wiederaufstieg. Als sein 2017er Album „Savage“ es in England auf Platz zwei schafft, weint Numan nach eigenen Angaben „wie ein Kleinkind“. In Luxemburg weint er nicht, auch wenn in die Halle noch ein paar Menschen hineingepasst hätten, sondern liefert eine beeindruckende Show mit Material vor allem aus den jüngsten beiden Alben.

Textlich sind die nur mäßig originell. „Black“, „dark“, „bleed“ und „broken“ sind Numans Lieblingsworte, entweder geht es um Seelenkrisen oder Weltuntergänge, und wenn Numan es noch finsterer als finster haben will, dichtet er von „a darker shade of darkness“. Aber das alles kleidet er in eingängige, wuchtige Refrains mit manchmal arabisch anmutenden Melodien, getragen von bombastischen Synthie-Klangflächen, nach vorne getrieben von bisweilen elefantös dahin donnernden Gitarrenbreitseiten mit Rammstein-Aroma. Subtil ist das nun nicht – in der Mischung aber grandios effektiv. Numan gibt dazu den Bühnenderwisch, orchestriert die Melodien mit rudernden Armen und scheint in seine Songs geradewegs hineinzuspringen. Gekleidet sind er und seine drei Begleiter in einer Art beigen Nomadenkluft, geht es auf „Savage“ doch im weitesten Sinne um eine ausgetrocknete Welt nach dem Klimawandel. Projektionen zeigen Wüstenbilder, wabernde Muster, Farben. Musikalisch gibt es nur einen Durchhänger – das balladeske „Mercy“ war schon auf dem jüngsten Album ein Langweiler, da ist auch auf der Bühne nichts zu retten. Anders bei anderen Songs: Eine Nummer wie „Love hurt bleed“ mag auf CD fast wie eine Parodie auf Nine Inch Nails wirken, auf der Bühne wird daraus eine große, scheppernde Faustreck- und Headbang-Nummer.

Gary Numan Savage Tour Esch Luxemburg Kulturfabrik Tubeway Army Cars

Dass Numan die alten Hits auf ein Minimum beschränkt – das vielbejubelte „Cars“ wirkt fast wie ein allzu nostalgischer Fremdkörper – zeigt sein begründetes Vertrauen in die Livetauglichkeit des neuen Materials. Wer hätte in den 80ern oder 90ern gedacht, dass Numan mit 60 noch auf der Bühne steht und eben nicht die 40 Jahre alten Hits spielen, nicht mit Nostalgie tingeln muss? Vielleicht ist auch das ein Grund, dass bei Numan die dramatische Mimik bei den Stücken zwischendrin immer öfter einem enorm breiten Grinsen weicht? Er freut sich einfach – an diesem Abend gönnt es ihm jeder.

 

Gary Numan Savage Tour Esch Luxemburg Kulturfabrik Tubeway Army Cars

 

Gary Numan Savage Tour Esch Luxemburg Kulturfabrik Tubeway Army Cars

 

Gary Numan Savage Tour Esch Luxemburg Kulturfabrik Tubeway Army Cars

 

Gary Numan Savage Tour Esch Luxemburg Kulturfabrik Tubeway Army Cars

 

Gary Numan Savage Tour Esch Luxemburg Kulturfabrik Tubeway Army Cars

 

Gary Numan Savage Tour Esch Luxemburg Kulturfabrik Tubeway Army Cars

 

Gary Numan Savage Tour Esch Luxemburg Kulturfabrik Tubeway Army Cars

 

Zehn Jahre mit Grace Jones: Der Film „Bloodlight and Bami“ auf DVD.

 

 

Man könne Persönliches preisgeben und trotzdem ein Geheimnis bleiben – das sagte Grace Jones kürzlich in einem Interview und hat dabei wohl auch an den Film über sie gedacht. „Bloodlight and Bami“ heißt der und erscheint jetzt fürs Heimkino. Die  britische Regisseurin Sophie Fiennes (Schwester der Darsteller Ralph und Joseph) hat Jones ein knappes Jahrzehnt begleitet und aus diesen Begegnungen einen fast zweistündigen, sehr sehenswerten Film montiert.

Dass er einen Blick auf die Privatperson hinter der schillernden Kunstfigur Jones wirft, ist nur die halbe Wahrheit – vor allem zeigt „Bloodlight and Bami“ die Untrennbarkeit von beidem. „Slave to the Rhythm“, einer von Jones’ größten Hits, eröffnet den Film, montiert aus zwei Bühnenauftritten, Jones einmal mit Maske, einmal ohne – und immer ein Ausbund an Charisma. Von dort geht es nach Jamaika in Jones’ Heimat, zur Mutter an den Küchentisch, zu langen Gesprächen mit der Familie, zum Fischessen und Tratschen. Erstaunlich ist dabei die Offenheit der Familie – die Kamera scheint ihr völlig egal zu sein. Jones, der Star auf Heimaturlaub, geht im Familienverbund fast unter, zumal die Mutter ebenso ein Star ist, wenn auch auf eher lokaler Ebene – sie singt Gospel in der Kirche.

Naturbilder von Jamaika zeigt der Film, einen diesigen Wald, während man Jones hört, wie sie auf der Bühne von der alten Heimat erzählt, und sie dann in einem Fluss schwimmen sieht, in völliger Ruhe – konträr zu ihrem bunten Bühnen-Image, das der Film damit aber nicht demontiert. Es ist eben nur eine Facette mehr bei diesem bunten Vogel, der als Model ebenso einzigartig ist/war wie als Bühnenfigur. Nur das Kino meinte es weniger gut mit ihr: Ihre Rolle im Bond-Film „Im Angesicht des Todes – erst böse, dann gut, dann tot – passte wenig zu ihr.

Der Film, bei dem die Regisseurin nach eigenen Angaben völlig freie Hand hatte, zeigt auch das alltägliche Geschäft als Star, der kommerziell die große Zeit hinter sich hat. Da stöckelt Jones, die im Mai 70 Jahre alt wird, endlos durch die Gänge eines TV-Studios (was an die Rock-Doku-Parodie „Spinal Tap“ erinnert), findet endlich die Bühne und soll dann umringt von aufringlich popowackelnden Tänzerinnen singen. „Damit finanziere ich mein Album“, sagt Jones dazu, ohne Plattenfirma bleibt ihr nichts anderes übrig; aber die Tänzerinnen wird sie dennoch los.

Als ihr Produzent zum vereinbarten Termin nicht im Studio erscheint, entfacht Jones einen mittleren Orkan, auch in einigen anderen Passagen wird sie sehr energisch. Der Film schlachtet das aber nicht aus, bilanziert es eher, auch der Besuch bei der Enkelin wird nicht sentimental aufgebretzelt. Lernt man hier „die wirkliche Grace Jones“ kennen? Man weiß es nicht so recht  – und das hält den Film spannend in der Schwebe.

DVD und Blu-ray von Ascot Elite.

 

 

 

 

 

 

 

Verblöden und Zeittotschlagen: „Dreht Euch nicht um – Der Golem geht rum“, neu auf DVD

Pidax Film Der Golem geht rum Logan's Run Flucht ins 23. Jahrhundert Peter Beauvais

Paschas Traum: Sig Prun (Martin Benrath) umrahmt von seinen Lebensgefährtinnen – gespielt von Francesca Tu, Hannelore Elsner und Katrin Schaake (von links). Foto: Pidax Film

 

Eine schöne DVD-Ausgrabung von 1971: „Dreht Euch nicht um – Der Golem geht rum“ erzählt von einer Welt der 1-Stunden-Arbeitswoche und der zwangsweisen Freizeitgestaltung. Langsam verblödet man – bis ein junger Mann  gefährliche Fragen stellt.

 

Rente mit 67? Oder 70? Darum muss sich in dieser Welt der Zukunft niemand sorgen – denn es gibt die Frühestrente für alle. Dank der Automatisierung der Arbeit kann man im 23 . Jahrhundert  von der Drei-Stunden-Arbeitswoche auf die weniger aufreibende Ein-Stunden-Variante herunterfahren. Doch diese neue Welt ist nur scheinbar schön und menschenfreundlich: Der Müßiggang ist penibel geregelt von der „Weltfreizeitzentrale“ – da muss man etwa zum Yoga nach Kapstadt fliegen, ob man nun will oder nicht, sonst gibt es staatliche „Minuspunkte“. Und die Fortpflanzung im traditionellen Sinne ist auch nicht jeder „Zeugungsgemeinschaft“ gestattet, es gibt strenge „selektive Verfahren“.

1971 entstand dieser Fernsehzweiteiler „Dreht Euch nicht rum – der Golem geht um“, den die Riegelsberger DVD-Firma Pidax jetzt für das Heimkino ausgegraben und abgestaubt hat. Regisseur Peter Beauvais (1916-1986, „Deutschstunde“, „Ein fliehendes Pferd“) entwirft, nach einem Drehbuch von Dieter Waldmann, eine Welt des kalten Konsums und des Müßiggangs, der aber nicht der persönlichen Entwicklung dient, sondern eher dem kollektiven Zeittotschlagen. In wallenden Gewändern (die Frauen meist ohne BH) wandeln die blondierten Zukunftsmenschen durch sterile Plastikwohnungen, räkeln sich auf großen Betten mit Flokati-bezug, an der Zimmerdecke pulsiert ein Riesenbildschirm. Eigentlich ist Sig Prun (Martin Benrath) damit ganz glücklich – schließlich kümmern sich drei Gattinnen (eine davon von Hannelore Elsner gespielt) um sein Wohlergehen. Doch dass der Staat ihm ein Kind verweigert, weil sein Intelligenzquotient eher mittelprächtig zu sein schein, setzt seinem Ego zu. „Es wird gezeugt – und damit basta!“ Den dabei entstandenen Sohn Botho will er allerdings nicht erziehen, denn der Freizeitstress lässt ihm einfach keine Zeit. Wie gut, dass ein Bekannter an einem Intelligenzverstärker arbeitet, auch wenn das eigentlich verboten ist – denn totalitäre Staaten wie dieser haben traditionell wenig Interesse an mündigen Bürgern. Doch der Intelligenzverstärker macht aus dem etwas tumben jungen Mann einen großen Fragesteller: Warum ist die Welt so, wie sie ist? Und wäre sie anders nicht sinnvoller? Fragen, die ihn in Gefahr bringen.

Pidax Film Der Golem geht rum Logan's Run Flucht ins 23. Jahrhundert Peter Beauvais

Meldung an die Staatsmacht – eine Szene mit Helga Feddersen. Foto: Pidax Film.

Gerade in den 1970er Jahren gab es einige düstere filmische Blicke in die Zukunft: etwa der Film „Jahr 2022“ mit Charlton Heston, in dem die überbevölkerte Welt nur noch, ohne dass sie es weiß, mit Menschenfleisch in Keksform gesättigt werden kann; oder „Geburten verboten“ über eine rigorose Null-Kind-Politik eines maroden und verseuchten Planeten Erde. Der fünf Jahre später als „Golem“ entstandene Kinofilm „Flucht ins 23. Jahrhundert“ entwarf eine ganz ähnliche Welt (auch mit ähnlichen Kostümen), in denen befohlene Muße und Konsum das Leben regieren – sinnigerweise wurde der Film überwiegend in einem neuen Einkaufszentrum gedreht.

„Golem“ nun ist kein Kinofilm, sondern Fernsehen aus alten Tagen. Da wird sehr viel Exposition über Dialoge vermittelt, und zumindest die erste Hälfte dieses Zweiteilers wirkt fast theaterhaft und mit seinen wenigen Kulissenräumen sogar etwas beengt – passenderweise, beschreibt er doch eine Welt des Immergleichen und Austauschbaren. Heute würde man wohl etwas flotter erzählen, aber „Golem“ lohnt sich: Grundlegend der Schauspieler wegen (vor allem Martin Benrath als Pascha-Spießer der Zukunft, Hannelore Elsner, Dietrich Mattausch, Helga Feddersen) und der Konsequenz, mit der der Film seine Prämisse durchspielt und dabei auch einen hintersinnigen Humor demonstriert: Da die natürliche Fortplanzung ein Nischenprogramm ist, kann es zu einem Dialog wie diesem kommen: „Lass das mal nicht Deine Eltern hören!“ „Ich hab‘ keine, ich bin ein Retortenkind.“ Die gelangweilten Konsumbürger entdecken für sich die nicht allzu schmerzhafte Selbstauspeitschung („Es lebe der Masozynismus!“), während die Jugend ein wenig gegen das Nichtstun aufbegehrt, „arbeitsähnliche Zustände“ fordert  und „Sachen machen! Sachen machen!“ skandiert. Charmant ist auch die Idee, dass man in dieser Zukunftswelt auf das baldige Ableben der Nachbarn wetten kann – dumm nur, wenn man dem Wettglück mit Strichnin nachhilft, wie es eine Bürgerin tut. „Golem“ erzählt satirisch zugespitzt von einer Welt des Überflusses, der mangelnden  Empathie und der ichbezogenen Verblödung – so gesehen passt der Film von 1971 auch ins Heute.

Erschienen bei Pidax Film.

http://www.pidax-film.de

 

Pidax Film Der Golem geht rum Logan's Run Flucht ins 23. Jahrhundert Peter Beauvais

 

Marcel Ophüls blickt auf „Die Geschichte der Kriegsberichterstattung“

Es war eine schlechte Nachricht im Januar: Beim jüngsten Filmfestival Max Ophüls Preis musste Regisseur Marcel Ophüls seinen Besuch kurzfristig absagen – der Sohn des Festivalnamensgebers und selbst oscarprämierter Dokumentarfilmer („Hotel Terminus – Zeit und Leben des Klaus Barbie“, 1988) ist eben 90 Jahre alt. Nun ist einer seiner Filme erstmals bei uns auf DVD erschienen, eine sehr willkommene Veröffentlichung. „Die Geschichte der Kriegsberichterstattung“ gehört zu seinen weniger bekannten Arbeiten, lohnt die Entdeckung und ist thematisch aktuell wie eh und je. Geht es doch um Krieg und Medien.

Im Dezember 1992 reiste Ophüls nach Sarajewo, um dort Kriegsberichterstatter zu treffen, ihre Arbeit zu porträtieren und die ihn drängende Frage zu erörtern: „Trägt Information über Völkermord dazu bei, zu sagen: jetzt reicht‘s?“. Ophüls’ Film ist dabei, nicht überraschend, keine handelsübliche 90-Minuten-Doku, sondern ein großer Exkurs, ein Panorama mit Seitenblicken, Abschweifungen, Exkursen – faszinierende 226 Minuten lang. Mit dem Orient-Express macht sich Ophüls von Paris nach München auf, sinniert über den Begriff ethnische Säuberungen („das weckt Erinnerungen“) und fährt auf dem Weg nach Wien an einer ehemaligen SS-Kaserne vorbei, in der SS-Männer im Auftrag des NS-Regimes „Fräuleins mit blauen Augen schwängern“ sollten, „der nötigen ethischen Reinheit stets eingedenk“, wie Ophüls kommentiert. Da passt es gut, dass die Strecke ihn auch noch am Obersalzberg vorbeiführt. „Geschichte hört nie auf“, heißt es einmal im Film.

Im belagerten Sarajewo spricht Ophüls mit Reportern aus den USA, aus England und Frankreich, sichtlich angepackte Nachrichtenprofis, die ihre Arbeit mit Galgenhumor erträglicher machen – oder auch mit mitgebrachter Gänseleber, wie die französischen Journalisten. Von einem Kollegen erzählen sie, der schon nach zehn Minuten in der Stadt tot war, von täglichen Strategien („Man muss verdrängen können“) und auch von der klaren Sicht auf die mediale Verwertbarkeit des Krieges in Ex-Jugoslawien. „Die Sache hat alles, was eine gute Story braucht“, sagt ein Reporter.

Ophüls selbst dramatisiert die eigene Rolle nicht: Er ist keiner der Kriegsberichterstatter, sondern nur deren Beobachter, auf Stippvisite. Wie um das zu untermauern, flickt er eine Passage ein, die ihn zwischendurch im nahen, für Sarajewos Bewohner unendlich weiten Wien zeigt, in einem edlen Hotel beim Rasieren („ein Dreitagebart – ich war ja nur drei Tage da“), während sich eine nackte Frau auf seinem Bett räkelt. Ist das nun eine Kriegsberichterstatter-Männerfantasie mit Hemingway-Aroma oder eine Parodie auf sie? Sicherlich Letzteres.

Ohnehin ist der Film trotz des Themas einige Male sogar komisch, ein herber und gewollter Kontrast zu dem gezeigten Elend und den Schicksalen: Wenn Ophüls bei einer Besprechung einen elegantem Hut trägt und sagt: „Wie die anderen Größenwahnsinnigen – Federico Fellini und François Mitterand“. Und zu einem serbischen Soldaten sagt er mit schelmischer Unschuldsmiene: „Aber Ihre Waffen zielen doch auf Sarajewo. Vielleicht haben Sie deshalb eine so schlechte Presse?“

In immer größeren Drehungen umkreist der Film sein Thema, nicht nur um Ex-Jugoslawien geht es, auch um den Golfkrieg und die aus Militärsicht sehr gelungene „Einbettung“ von Journalisten; und auch um den Kriegsfotografen Robert Capa (1913-1954), dessen legendäres Bild aus dem Spanischen Bürgerkrieg, das scheinbar einen Soldaten im Moment seines Todes zeigt, mittlerweile sehr umstritten ist, was seinen Wahrheitsgehalt angeht. Resolut in Schutz nimmt Capas Bild Kriegsreporterin Martha Gellhorn (1908-1998), die rät, Menschen ihres Berufsstandes kein Denkmal zu setzen. Marcel Ophüls tut dies auch nicht, auch wenn er deren Mut bewundert; lieber wirft er einen weiten Blick auf Krieg, die Bilder, deren Macht und Ohnmacht. Denn die anfängliche Frage, ob Bilder eines Völkermords helfen, ihn zu beenden, meint er: „Offenbar nicht.“

Erschienen auf DVD bei Absolutmedien.
Bonus: Ein exzellentes Booklet mit Hintergründen und der Auflistung der Interviewten.

http://www.absolutmedien.de

„Offene Wunde deutscher Film“ von Dominik Graf und Johannes F. Sievert – am 14.2. bei Arte

Offene Wunde deuscher Film Wolfgang Petersen Dominik Graf Jürgen Goslar Robert Sigl Das Boot Arte WDR

Wolfgang Petersen erinnert sich an  seine Produktion „Das Boot“. Foto: WDR

Blickt man nur höchst flüchtig auf das deutsche Nachkriegskino, kann sich dieser Eindruck einstellen: In den 1950ern und -60ern füllen Heimatschnulzen, Winnetou und Wallace die Filmtheater. Dann erklären langmähnige Jungfilmer „Opas Kino“ 1968 für tot und rufen den „Neuen Deutschen Film“ aus; fortan regiert der Autorenfilm, wenn auch manchmal in leeren Sälen.

So weit, so klischeehaft zugespitzt. Diesem Klischee wirken seit Jahren einige rührige Kinoforscher entgegen und werben für vergessene Perlen des deutschen Films und einen differenzierteren Blick auf das hiesige Kino: etwa die Herausgeber der Zeitschrift  „Sigi Götz Entertainment“ und nicht zuletzt Dominik Graf. Der Regisseur („Die geliebten Schwestern“), dessen „Tatorte“ und „Polizeirufe“ stets herausragen, schreibt über Kino und dreht auch immer wieder Filme zum Thema. 2016 legte er zusammen mit Johannes F. Sievert die Doku „Verfluchte Liebe deutscher Film“ über vergessene Perlen des deutschen Kinos vor. Morgen läuft deren Fortsetzung zum ersten Mal im Fernsehen: „Offene Wunde deutscher Film“ – eine Liebeserklärung an Querköpfe, die sich beherzt zwischen alle filmischen Stühle setzen, weder den reinen Kommerz noch das Arthaus-Kino bedienten und es entsprechend schwer hatten oder haben.

Wolfgang Petersen, der erste Gesprächspartner im Film, fällt da  mit seiner US-Karriere zwar heraus; mit einigen anderen zu Wort kommenden Regisseuren verbindet ihn aber die Liebe zum US-Kino, über die man damals an der Filmhochschule besser nicht redete, erzählt er, sonst galt man als unpolitischer „Kuchenfilmer“; Klaus Lemke („Rocker“) etwa träumte ebenfalls nicht vom europäischen Kino, sondern „vom US-Jungensfilm“. Lemke (77) dreht bis heute, so wie der gleichaltrige Kollege Rudolf Thome – wenn auch meist ohne jede Filmförderung.

Von der fühlt sich auch Robert Sigl ignoriert – trotz des frühen Erfolgs mit dem stilvollen Gruselfilm „Laurin“ vor 29 Jahren müht er sich seit Jahren um Förderung und Finanzierung. Kollege Wolfgang Büld, der einst „Gib Gas, ich will Spaß“ mit Nena drehte, hatte es etwas besser – in London realisierte er einige blutig-erotisch Filme, „bis der DVD-Markt dann zusammenbrach“.

 

Offene Wunde deuscher Film Wolfgang Petersen Dominik Graf Jürgen Goslar Robert Sigl Das Boot Arte WDR

Filmemacher Jürgen Goslar spricht über seine Zeit und Filme in Rhodesien, dem heutigen Simbabwe, und Südafrika. Foto: WDR

Interessante Einblicke in meist schwierige Karrieren sind das. Schade nur, dass der 90-MinutenFilm sich wenig Zeit gönnt: Vieles wird kurz angeschnitten, schon geht es weiter zum nächsten Film und Gesprächspartner. Die Musiker Klaus Doldinger, Eberhard Schoener und Irmin Schmidt von Can tauchen kurz auf, Filmjournalisten wie Olaf Möller und Rainer Knepperges – oft mit wenigen Sätzen. Mehr Zeit nimmt sich der Film immerhin bei Jürgen Goslar, einer festen Darsteller/Regie-Größe im „Kommissar“, bei „Der Alte“ und „Derrick“: Mitte der 1970er Jahre inszenierte er im damaligen Rhodesien zwei knallig-brutale, filmisch radikale  Abenteuerfilme – einen mit Horst Frank als schwarzem Albino.

In seiner Rastlosigkeit mag „Offene Wunde deutscher Film“ manchmal frustrieren – die enorme Materialfülle aber fasziniert, die  offensichtliche Liebe zum Thema ist ansteckend,  und man erhält viele Anregungen für den nächsten Heimkino-Abend.

Mittwoch, 14.2., ab 21.35 Uhr bei Arte.

 

Offene Wunde deuscher Film Wolfgang Petersen Dominik Graf Jürgen Goslar Robert Sigl Das Boot Arte WDR

Regisseur Nikolai Müllerschön spricht über seinen Gangsterfilm „Harms“ von 2011. Foto: WDR

Der Film „Hagazussa“ und sein Regisseur Lukas Feigelfeld

Hagazussa Lukas Feigelfeld Filmfestival Max Ophüls Preis Retina Fabrik

Darstellerin Alexandra Cwen und Regisseur Lukas Feigelfeld bei den Dreharbeiten. Foto: Retina Fabrik

Es war einer der eigenwilligsten und ausgefallensten Filme des jüngsten Filmfestivals Max Ophüls Preis: „Hagazussa“, eine Geschichte um Isolation, Heidentum, Vorurteile und Wahnsinn, erzählt in archaischen Naturbildern und mit minimalem Dialog. Beim Festival blieb der Film leider ohne Preis.  Hier ein Gespräch mit Regisseur Lukas Feigelfeld.

Dass sein Film für manche Kinogänger ein harter Brocken ist, weiß er selbst am besten. „Schon bei der Drehbuchentwicklung haben mir einige Leute gesagt, das sei nicht zumutbar“, sagt Lukas Feigelfeld, „aber ich glaube, man kann dem Publikum mehr zutrauen als viele denken“. Der 31-Jährige Wiener, der seit einigen Jahren in Berlin lebt, hat mit „Hagazussa“ einen mutigen, konsequenten Film gedreht. Mit archaischen, wuchtigen Naturbildern und einer stetigen Stimmung des Unbehagens: Man begleitet einen Menschen auf seinem Weg in den Wahnsinn.

„Hagazussa“ erzählt von einer Frau im 15. Jahrhundert, die alleine in ihrer Alpenhütte lebt, von der fernen Dorfgemeinschaft beargwöhnt und gemieden. Die Isolation und die Anfeindung der Kirche, sie sei eine Hexe, treibt die Frau (Aleksandra Cwen) langsam in den Irrsinn – und zu einer grauenvollen Tat. Zu seinem Film haben Feigelfeld eigene Albträume aus der Kindheit angetrieben. Seine Mutter kommt aus der Region, in der der Film spielt, in der Nähe des Wolfgangsees. „Ich habe da als Kind sehr viel Zeit verbracht. Es ist eine Gegend, in der heute noch viele alte Mythen erzählt werden, wo das Heidentum noch etwas durch die katholische Kirche dringt.“ Von  Hexengestalten in den dunklen Wäldern sei ihm gerne erzählt worden. „Und wenn die Kinder nicht brav sind, dann holt sie die Hexe.“

 

Hagazussa Lukas Feigelfeld Filmfestival Max Ophüls Preis Retina Fabrik

Ein Bild von den Dreharbeiten. Foto: Retina Fabrik

 

Die kindlichen Albträume waren der erste Impuls für den Film. Feigelfeld hat viel recherchiert über Aberglaube und die Christianisierung des Alpenraums, auch über Schizo­phrenie und über Menschen mit Wahnbildern, die „die Geister  quasi selbst in die Dunkelheit des Waldes hinein halluzinieren“. Feigelfelds Drehbuch verknüpft vieles, was der Figur Albrun zustößt oder was sie tut, mit damaligen Definitionen der Kirche, wann man jemanden als Hexe bezeichnet (und verfolgt). „Eine davon ist die Teufelsbuhlschaft, der sexuelle Kontakt mit dem Teufel. Da der Teufel oft auch als unsichtbare Gestalt beschrieben wurde, hat man angenommen, dass eine masturbierende Frau mit dem Teufel kopuliert.“ Das behandelt Feigelfeld in einer ausdrucksstarken, aber unspekulativen Szene, die das Melken einer Ziege erotisch zum Bersten auflädt.

Seine Geschichte erzählt der Film in langen Einstellungen, sehr wortkarg und eindringlichen Bildern (Kamera: Mariel Baqueiro) – es geht nicht um einen Plot, der die Handlung nach vorne treibt, sondern um Gefühle, Assoziationen, Angst, Atmosphäre. Feigelfeld, der mit „Hagazussa“ seinen Abschluss an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb) machte, hat davor Photographie studiert und eine „sehr visuelle Herangehensweise. Bevor ich ein Drehbuch schreibe, bildet sich bei mir ein Gefühl, eine Atmosphäre im Kopf, wie der Zuschauer sich fühlen sollte, wenn er aus dem Kino herauskommt.“ So nämlich, als erwache er aus einem Albtraum und frage sich, was er gerade gesehen  hat. Als Horrorfilm will Feigelfeld den Film aber nicht verstanden wissen, „ich würde ihn eher ein ‚dark drama‘ nennen,  irgendwo zwischen dem Horrorgenre und dem Arthouse-Film. Die Trennlinie ist da sehr fein.“ Vorbilder oder Inspirationen sind denn auch nicht klassische Gruselregisseure, sondern etwa Andrei Tarkowski („Stalker“, „Solaris“) oder Andrzej Zulawski („Possession“).

 

Die Kamerafrau Mariel Baqueiro. Foto: Feigelfeld / Retina Fabrik

 

Dass „Hagazussa“ seine Uraufführung beim horrorlastigen Fantastic Film Fest in Texas erlebte, überrascht da schon. Das Genrepublikum dort war angetan, sagt Feigelfeld. Es gab den „Next Wave“-Preis für den besten Film, es folgte die europäische Premiere beim London Film Festival.

Viel Anerkennung für einen Film, der schwer auf den Weg zu bringen war. Da „Hagazussa“ ein Abschlussfilm ist, hatte Feigelfeld die Technik und ein kleines Budget zu Verfügung, aufgestockt mit crowdfunding, „aber es war wirklich minimal – wir mussten auch mal ein Jahr aussetzen, weil wir keine Finanzierung hatten.“ Fast alle Künstler, viele Studenten darunter, haben ohne Bezahlung  gearbeitet; das Teuerste waren das Innere von Albruns Hütte als Studiobau in Berlin und die Reisekosten. Der Film entstand dabei in mehreren Blöcken, im Winter ging es auf den Berg,  ein halbes Jahr später ins Studio, dann pausierte man wieder wegen Geldmangels, „und dann waren wir in einem  Sumpf in Brandenburg, dann  mal hier, mal dort“. Eine frustrierendes Warten manchmal, „aber das gibt einem Zeit, manches noch einmal zu verfeinern.“ Etwa das Soundesign, das im Film zentral ist. „Dass wir wenig Dialog haben, öffnet unglaublich viel Raum für Geräusche“, sagt Feigelfeld. Jedes  Geräusch ist neu aufgenommen, jedes Knacken eines Zweiges, jedes Knirschen eines Lederbandes.

Feigelfeld, der für „Hagazussa“ noch einen deutschen Verleih sucht, arbeitet am nächsten Drehbuch, in die Richtung von Thriller und Drama soll es gehen, „es hat aber auch phantastische, traum­artige Aspekte. Das Kino ist so etwas Ähnliches wie Träumen – das ganz Konkrete liegt mir nicht.“ Bloß lässt sich das Konkrete oft besser finanzieren als das Phantastische, mit dem sich das deutschsprachige Kino schwer tut. „Das mag wohl so sein. Ich hoffe aber, dass ein Film wie ‚Hagazussa‘ auch hier Augen öffnet.“ Das würde es dem Regisseur leichter machen, „Filme zu drehen, die anders sind als das, was man immer sieht.“

 

 

 

 

 

„Der Hauptmann“: Interview mit Regisseur Robert Schwentke

 

Der Hauptmann Robert Schwentke Florian Ballhaus

Dreharbeiten zu „Der Hauptmann“: Darsteller Max Hubacher (links), in der Mitte Regisseur Robert Schwentke, neben ihm Kameramann Florian Ballhaus. Foto: Weltkino

 

In Hollywood hat Regisseur Robert Schwentke (49) Filme wie „Flight Plan“ mit Jodie Foster und „R.E.D.“ mit Bruce Willis inszeniert. In „Der Hauptmann“ erzählt er, nach einer wahren Begebenheit, von einem deutschen Deserteur, der sich mit einer gefundenen Uniform als Offizier ausgibt. Als sich ihm versprengte Soldaten anschließen, findet er Gefallen an der Macht – und steigert sich in einen Rausch der Grausamkeit. Der Film hatte gerade seine deutsche Erstaufführung beim Saarbrücker Filmfestival Max Ophüls Festival, regulär kommt er im März in die Kinos.

Sie erzählen von Grausamkeit und Kriegsverbrechen aus deutscher Täterperspektive – fürchten Sie da  Kontroversen um den Film?

Man muss sich schon sehr bemühen, um den Film falsch zu verstehen. Er hat bewusst keine moralische Gebrauchsanleitung. Im deutschen Nachkriegsfilm erzählen ja nur zwei Filme aus der Täterperspektive – einmal der Fernsehfilm „Wannseekonferenz“ von 1984 und „Aus einem deutschen Leben“ von 1977 mit Götz George, bezeichnenderweise nach dem Roman eines Franzosen. Es ist auffällig, dass es das im Kino fast nicht gibt, auch selten in der deutschen Literatur.

Was ist anders, wenn man aus der Tätersicht erzählt?

Die Fragestellung ans Publikum ist eine ganz andere. BEIM „Der Hauptmann” MUSS DER Zuschauer Position zu beziehen, nachdenken über die eigene Haltung und über die menschliche Fähigkeit, einander weh zu tun, ungerecht zu handeln, sich Feindbilder zu erschaffen. Manchmal kommt sie zum Vorschein, manchmal nicht – aber sie ist immer da. Den Film sehe ich da als EINE ART DER Prophylaxe, damit man sich Gedanken macht über etwas, über das man nicht gerne nachdenkt.

Wie sehen Sie da den Film „Der Untergang“ – in dem wirken ja am Ende die Nationalsozialisten wie die Opfer.

Ich wollte dezidiert einen Anti-„Untergang“ machen, mit dem Film hatte ich große Schwierigkeiten, er hat eine Sichtweise, mit der ich nicht überein stimme. Er behauptet, dass diese kulturelle Katastrophe zwischen 1933 und 1945 hätte vermieden werden könne, wenn der verrückte Führer seinen vernünftigeren Untergebenen besser zugehört hätte. Der Nationalsozialismus war ein extrem dynamisches System, darüber wollten wir einen Film machen: nicht die erste Täterreihe beleuchten, sondern die vierte, fünfte, sechste.

 

Der Hauptmann Robert Schwentke Florian Ballhaus

Milan Peschel, Max Hubacher und Frederick Lau. Foto: Julia Müller / Weltkino

 

Am Anfang stand diese Idee – wie haben Sie dann die reale Geschichte entdeckt?

Ich hatte vorher andere Geschichten gefunden, etwa die des Hamburger Polizeibataillons, das in Polen wütete. Aber vieles war noch grausamer als jetzt im „Hauptmann“, noch viel weniger darstellbar, ohne es absolut unerträglich zu machen. Die Geschichte war ein Glückfall, weil es um alle Befehls- und Gehorsams-Ebenen  geht – von ganz unten, den Gefreiten, hoch bis zum Admiralsgeneral.

Ist die Erschießung von Gefangenen mit einer Flugabwehrkanone historisch belegt? Mir kam es vor wie ein Verweis auf Nordkorea.

Das ist historisch belegt. Und als sich Munition im Geschütz verkantet hat, haben sie  weitergemacht mit Handfeuerwaffen und Gewehren.

Ihr Drehbuch verbindet enorme Brutalität immer wieder mit einer sehr schwarzen Komik – etwa wenn darüber sehr bürokratisch diskutiert wird, wer nun eigentlich bei den Grausamkeiten zuständig ist.

Ja, es ist am Rande auch eine Bürokomödie.

Wie schwer war es da, als Autor die richtige Balance zu finden?

An dieser Mischung aus Tonalitäten habe ich sehr lange gearbeitet, schwarze Komödie ist bei mir immer dabei, was mir auch hilft, mich diesen Themen zu nähern. Das Theatralische im „Hauptmann“ ist ebenso eine Art Selbstschutz. Die endgültige Balance fand bei den Proben mit den Schauspielern statt. Sie wussten, dass sie zwar keine Karikaturen, sondern Menschen spielen sollen, aber dennoch etwas überhöht agieren sollen.

Der Film vermeidet bewusst einen dokumentarischen Stil – auch die Schwarzweißbilder sind sehr kunstvoll und geradezu Anti-Doku.

Ich schätze den filmischen Naturalismus nicht. Den finde ich genauso künstlich hergestellt wie ein Pappe-Expressionismus. Eine Überhöhung liegt mir da näher – und sie gibt mir mehr Farbe auf die Palette, eine größere Möglichkeit an Ausdrucksmitteln.

Beginnt der Film deswegen nicht mit klassischen Zeilen wie „Eine wahre Geschichte“ oder „Nach wahren Begebenheiten“, obwohl das gestimmt hätte?

Ja, das haben wir lange diskutiert. Wenn ein Film so beginnt, klingt das immer nach Hausaufgaben und wirkt wie ein Gewicht auf den Schultern des Films. Ich wollte den Zuschauer erstmal mit der Geschichte konfrontieren – mitten im Film reiche ich die Information dann nach. Und dann denkt man nochmal über das Gesehene nach. Ich habe den Film einigen Freunden in Amerika gezeigt, und diese kurze Farbeinblendung im Film wurde sehr kontrovers diskutiert – sie haben nicht verstanden, warum ich den Zuschauer damit kurz aus dem Film werfe. Aber das war ja meine Absicht – es gibt einen kurzen Moment der Reflexion, der Distanz. Aber das widerspricht den amerikanischen Erzählnormen.

Sie haben Ihren Film zum Teil in Polen gedreht. Wie haben Sie sich gefühlt, als Sie dort die Kulisse eines deutschen Lagers aufgebaut haben?

Ganz merkwürdig. Unsere Statisten waren alle Polen, und alle waren vom Zweiten Weltkrieg extrem gezeichnet. Sie hatten Onkel, Tanten, manchmal Brüder, die im Krieg umgekommen waren. Diese Zeit ist noch sehr lebendig in Polen. Auch für die Schauspieler war es  schwierig. Bernd Hölscher etwa fing nach den Erschießungsszenen, wenn Menschen in dem großen Erdloch um ihr Leben betteln,  zu weinen an und konnte nicht mehr aufhören.

Der Film wurde vom Deutsch-Polnischen Filmfonds mitfinanziert. Gibt es den schon länger?

Ja, aber er wurde jetzt ausgebaut angesichts der politischen Lage in Polen. Die deutsche Regierung hat sich entschlossen, die kulturellen Banden zwischen Deutschland und Polen zu verstärken, und den Fonds aufgestockt.

Das Budget Ihres Film liegt bei fünf Millionen Euro. Das ist fast nichts im Vergleich zu Hollywood-Budgets, mit denen Sie zuletzt gearbeitet haben. Macht es das Filmemachen schwieriger – oder ist es eine gewisse Freiheit, ohne riesigen Apparat arbeiten zu können?

Beides – die Vorstellung, dass man in Amerika genug Geld zum Drehen hat, ist sowieso falsch. Selbst mit einem Budget von 150 Millionen kann man viele Sachen nicht machen, weil sie zu teuer sind. Das ist ein ständiger Kampf mit dem Budget, nur liegt da die Messlatte höher. Aber die Situation ist dieselbe. Man muss sparen und versuchen, dass man das dem Film nicht ansieht. Ich kenne das gar nicht anders. Ich komme ja nicht aus dem Werbefilm, sondern aus dem Indiefilm – und deshalb ist das ein Muskel, den ich schon immer trainieren musste, von Anfang an. Ich habe noch nie einen Film gemacht, bei dem ich genug Geld hatte.

Den Film „R.I.P.D.“ sehen Sie nicht als Ihren Film an.

Nein, denn das war eine sehr schlimme Erfahrung. Das, was im Kino lief, war nicht mein Film, ich habe mir ihn auch nie angesehen.

Ist „Der Hauptmann“ nun Ihre Rückkehr nach Deutschland?

Mir wäre ein Spagat am liebsten – eine Karriere wie von Steven Soderbergh imponiert mir sehr. Der macht mal einen Film für 100 Millionen, den nächsten für eine Million.  Er wechselt zwischen Studio- und Indiefilm, bei mir könnte das ein Spagat zwischen dem deutschen und dem amerikanischen Kino sein. Ich habe einige Stoffe hier wie dort in Entwicklung, aber ich will verstärkt wieder in Deutschland oder Europa arbeiten.

Ihre jüngsten US-Filme waren groß und teuer – wird es in Hollywood in dieser Richtung weitergehen?

Insgesamt ist meine Karriere dort ja sehr eklektisch. Aber dieses Tentpole-Business mit den Blockbustern mag ich schon sehr gerne – wenn man sich etwa eine Szene überlegt, in der die Heldin auf einem brennenden Haus steht, das durch eine Großstadt fliegt – und das dann auch tatsächlich umsetzen kann. Das macht Spaß. Aber ich habe jetzt einen Stoff in Amerika, der kein potenzieller Blockbuster ist – ich will mich da auf die Schauspieler konzentrieren, weil das auch die Arbeit ist, die mir am meisten Spaß macht. Das ist das größte Glück.

Es ist aber nicht so, dass Sie die großen US-Filme als Handwerker inszenieren und nun mit dem „Hauptmann“ den „kleinen persönlichen Arthouse-Film“ drehen?

Nein, so einfach ist das nicht – aber „Der Hauptmann“ war, nicht überraschend, sehr befriedigend, weil da weniger Menschen am Tisch sitzen und ihre Meinung kundtun und Einfluss nehmen auf den Film. Ich musste nicht jede Entscheidung rechtfertigen – das muss ich auch nicht unbedingt jedes Mal in Amerika, aber es kann passieren. Beim „Hauptmann“ haben wir die Entscheidungen treffen können, die richtig für den Film waren. Da ging es nicht darum, zu überlegen, wie man den Film besser verkaufen kann, wie wir noch eine Million Zuschauer bekommen können. Sondern nur darum, wie man die Geschichte am besten erzählen kann.

Wie ist so eine Erfahrung wie der Misserfolg von R.I.P.D.? Ist das niederschmetternd?

Nein, denn es war ja nicht mein Film. Der Film wurde mir angelastet, ich hatte zwar die Verantwortung, aber nicht die Entscheidungsgewalt. Mir fällt es nicht schwer, eigene Fehler einzugestehen – aber für die Entscheidungen anderer Menschen werde ich nicht gerne zur Verantwortung gezogen. Und da war das der Fall. Vorher ist mir das noch nie passiert – und danach auch nicht mehr.

Der Hauptmann Robert Schwentke Florian Ballhaus

„So, hier sind wir durch.“ Foto: Weltkino

 

Ältere Beiträge Neuere Beiträge

© 2018 KINOBLOG

Theme von Anders NorénHoch ↑