KINOBLOG

Film und dieses & jenes, von Tobias Kessler

Kategorie: Nostalgie (Seite 1 von 3)

Lotte Reinigers Trickfilm „Prinz Achmed“ auf Blu-ray

DVD Blu-ray Lotte Reiniger Stummfilm Trickfilm Animation Die Abenteuer des Prinzen Achmed Scherenschnitt Silhouettenfilm AbsolutMedien

Eine ganz eigene Welt ist das, die Lotte Reiniger da entstehen ließ: an ihrem Tricktisch mit Kamera, einer Glasscheibe und Scherenschnittfiguren aus schwarzer Pappe, die sie einzelbildweise animierte. Reiniger (1899-1981) hatte sich in die chinesische Kunst des Silhouetten-Puppenspiels verliebt und setzte die filmisch um: Drei Jahre arbeitete sie an ihrem ersten abendfüllenden Film, der heute als Klassiker und Pioniertat des Animationskinos gilt: „Die Abenteuer des Abenteuer des Prinzen Achmed“ (1926).

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Diese poetische Tausendundeine-Nacht-Melange um Dämonen, Geister, ein fliegendes Pferd und eine große Liebe erschien vor Jahren auf DVD; nun ist der Film restauriert auf Blu-ray zu haben und zeigt seine kunstvollen Figuren, Dekors und eingefärbten Hintergründe noch prächtiger. Bei der musikalischen Untermalung kann man wählen zwischen der damaligen Originalmusik und zwei Neuvertonungen, mal konventioneller, mal moderner und leicht angeschrägt. Eine schöne Wiederbegegnung mit einem Kunstwerk, das so ganz anders ist als die fotorealistische, manchmal klinisch wirkendende Kunst des heute gängigen Animationsfilms.

Bonus: ausführliches Booklet, vier Kurzfilme (1921-1935) und ein TV-Porträt Lotte Reinigers. Erschienen bei AbsolutMedien.

http://www.absolutmedien.de

 

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Kindheitserinnerung auf DVD: „Die Rebellen vom Liang Shan Po“

Schulhofgespräch Nummer 1 war das, montagmorgens 1980: Wie haben der edle Lin Chun und seine Getreuen dem kaiserlichen Schmierlappen Kao Chiu wieder mal ein Schnippchen geschlagen? Und wie geht es weiter mit diesen „Ausgestoßenen im Kampf gegen die Tyrannei“, wie der Erzähler sie nennt?

Reifere Leser werden es ahnen: Es geht um die TV-Serie „Die Rebellen vom Liang Shan Po“. 1973/74 wurde sie produziert, Ende 1980 lief sie erstmals in der ARD – am familienfreundlichen Sendeplatz Sonntagvorabend. Basierend auf chinesischen Volkssagen erzählt die japanische Serie von Männern (und einer Frau), die sich, nicht zuletzt mit dem Schwert, gegen die Gewaltherrschaft des Kaisers auflehnen, der sein Volk hungernlässt. Um Edelmut und Korruption geht es, um Freiheitskampf und Unterdrückung – erzählt mit viel Aufwand an Kostümen und Pferden, mit einem großen Ensemble und, für eine TV-Serie, viel Action. Die entsetzte jedoch, auch wenn die ARD schon manches entschärft hatte, viele Eltern und Jugendschützer. Nach Protesten wurde die Serie abgesetzt; die noch ungesendeten Folgen liefen dann 1982 und 1983 zu späterer Stunde.

Vor Jahren erschien die Serie als DVD-Edition, in mäßigem Bild und nur mit den Kürzungen der ARD (denen damals nicht nur Action-, sondern auch Dialogszenen zum Opfer gefallen waren). Mehr als verdienstvoll also, dass der Anbieter Turbine nun die ungekürzten Folgen in überarbeiteter Bildqualität auf DVD und Blu-ray herausbringt und die damals gekürzten, nun erstmals kompletten Szenen neu synchronisiert hat – mit den meisten Sprechern von damals. Allen voran Christian Rode, der noch einmal als edler Lin Chun vor das Mikrofon trat. Es war eine seiner letzten Arbeiten, Rode starb im Februar. Das macht seine Begrüßung auf der ersten DVD dieser schönen Box etwas wehmütig.

Erschienen bei Turbine Medien. 26 Folgen, 1200 Minuten.
Extras: Informationen zu Kürzungen und der Restaurierung, Interview mit Filmwissenschaftler Rolf Giesen und China-Experte Wolfram Wickert sowie nicht zuletzt ein sehr gutes Booklet.

Verblöden und Zeittotschlagen: „Dreht Euch nicht um – Der Golem geht rum“, neu auf DVD

Pidax Film Der Golem geht rum Logan's Run Flucht ins 23. Jahrhundert Peter Beauvais

Paschas Traum: Sig Prun (Martin Benrath) umrahmt von seinen Lebensgefährtinnen – gespielt von Francesca Tu, Hannelore Elsner und Katrin Schaake (von links). Foto: Pidax Film

 

Eine schöne DVD-Ausgrabung von 1971: „Dreht Euch nicht um – Der Golem geht rum“ erzählt von einer Welt der 1-Stunden-Arbeitswoche und der zwangsweisen Freizeitgestaltung. Langsam verblödet man – bis ein junger Mann  gefährliche Fragen stellt.

 

Rente mit 67? Oder 70? Darum muss sich in dieser Welt der Zukunft niemand sorgen – denn es gibt die Frühestrente für alle. Dank der Automatisierung der Arbeit kann man im 23 . Jahrhundert  von der Drei-Stunden-Arbeitswoche auf die weniger aufreibende Ein-Stunden-Variante herunterfahren. Doch diese neue Welt ist nur scheinbar schön und menschenfreundlich: Der Müßiggang ist penibel geregelt von der „Weltfreizeitzentrale“ – da muss man etwa zum Yoga nach Kapstadt fliegen, ob man nun will oder nicht, sonst gibt es staatliche „Minuspunkte“. Und die Fortpflanzung im traditionellen Sinne ist auch nicht jeder „Zeugungsgemeinschaft“ gestattet, es gibt strenge „selektive Verfahren“.

1971 entstand dieser Fernsehzweiteiler „Dreht Euch nicht rum – der Golem geht um“, den die Riegelsberger DVD-Firma Pidax jetzt für das Heimkino ausgegraben und abgestaubt hat. Regisseur Peter Beauvais (1916-1986, „Deutschstunde“, „Ein fliehendes Pferd“) entwirft, nach einem Drehbuch von Dieter Waldmann, eine Welt des kalten Konsums und des Müßiggangs, der aber nicht der persönlichen Entwicklung dient, sondern eher dem kollektiven Zeittotschlagen. In wallenden Gewändern (die Frauen meist ohne BH) wandeln die blondierten Zukunftsmenschen durch sterile Plastikwohnungen, räkeln sich auf großen Betten mit Flokati-bezug, an der Zimmerdecke pulsiert ein Riesenbildschirm. Eigentlich ist Sig Prun (Martin Benrath) damit ganz glücklich – schließlich kümmern sich drei Gattinnen (eine davon von Hannelore Elsner gespielt) um sein Wohlergehen. Doch dass der Staat ihm ein Kind verweigert, weil sein Intelligenzquotient eher mittelprächtig zu sein schein, setzt seinem Ego zu. „Es wird gezeugt – und damit basta!“ Den dabei entstandenen Sohn Botho will er allerdings nicht erziehen, denn der Freizeitstress lässt ihm einfach keine Zeit. Wie gut, dass ein Bekannter an einem Intelligenzverstärker arbeitet, auch wenn das eigentlich verboten ist – denn totalitäre Staaten wie dieser haben traditionell wenig Interesse an mündigen Bürgern. Doch der Intelligenzverstärker macht aus dem etwas tumben jungen Mann einen großen Fragesteller: Warum ist die Welt so, wie sie ist? Und wäre sie anders nicht sinnvoller? Fragen, die ihn in Gefahr bringen.

Pidax Film Der Golem geht rum Logan's Run Flucht ins 23. Jahrhundert Peter Beauvais

Meldung an die Staatsmacht – eine Szene mit Helga Feddersen. Foto: Pidax Film.

Gerade in den 1970er Jahren gab es einige düstere filmische Blicke in die Zukunft: etwa der Film „Jahr 2022“ mit Charlton Heston, in dem die überbevölkerte Welt nur noch, ohne dass sie es weiß, mit Menschenfleisch in Keksform gesättigt werden kann; oder „Geburten verboten“ über eine rigorose Null-Kind-Politik eines maroden und verseuchten Planeten Erde. Der fünf Jahre später als „Golem“ entstandene Kinofilm „Flucht ins 23. Jahrhundert“ entwarf eine ganz ähnliche Welt (auch mit ähnlichen Kostümen), in denen befohlene Muße und Konsum das Leben regieren – sinnigerweise wurde der Film überwiegend in einem neuen Einkaufszentrum gedreht.

„Golem“ nun ist kein Kinofilm, sondern Fernsehen aus alten Tagen. Da wird sehr viel Exposition über Dialoge vermittelt, und zumindest die erste Hälfte dieses Zweiteilers wirkt fast theaterhaft und mit seinen wenigen Kulissenräumen sogar etwas beengt – passenderweise, beschreibt er doch eine Welt des Immergleichen und Austauschbaren. Heute würde man wohl etwas flotter erzählen, aber „Golem“ lohnt sich: Grundlegend der Schauspieler wegen (vor allem Martin Benrath als Pascha-Spießer der Zukunft, Hannelore Elsner, Dietrich Mattausch, Helga Feddersen) und der Konsequenz, mit der der Film seine Prämisse durchspielt und dabei auch einen hintersinnigen Humor demonstriert: Da die natürliche Fortplanzung ein Nischenprogramm ist, kann es zu einem Dialog wie diesem kommen: „Lass das mal nicht Deine Eltern hören!“ „Ich hab‘ keine, ich bin ein Retortenkind.“ Die gelangweilten Konsumbürger entdecken für sich die nicht allzu schmerzhafte Selbstauspeitschung („Es lebe der Masozynismus!“), während die Jugend ein wenig gegen das Nichtstun aufbegehrt, „arbeitsähnliche Zustände“ fordert  und „Sachen machen! Sachen machen!“ skandiert. Charmant ist auch die Idee, dass man in dieser Zukunftswelt auf das baldige Ableben der Nachbarn wetten kann – dumm nur, wenn man dem Wettglück mit Strichnin nachhilft, wie es eine Bürgerin tut. „Golem“ erzählt satirisch zugespitzt von einer Welt des Überflusses, der mangelnden  Empathie und der ichbezogenen Verblödung – so gesehen passt der Film von 1971 auch ins Heute.

Erschienen bei Pidax Film.

http://www.pidax-film.de

 

Pidax Film Der Golem geht rum Logan's Run Flucht ins 23. Jahrhundert Peter Beauvais

 

„Ein Schock nach dem anderen“ – Kinoanzeige von 1966

Ein bisschen Nostalgie mit wunderbaren Werbesätzen:

„Der explosive Höhepunkt der skandinavischen Lustspielerfolge“ (Ingmar Bergman wird es wohl nicht sein)

„Ein Schock nach dem anderen“

„Menschen werden zu Bestien“

„Hinter den bunten Fassaden der leichten Liebe!“

„Von den Gangstern gefürchtet, von den Frauen geliebt“.

Die Kino-Anzeige stammt aus dem Jahr 1966.

 

Kino trifft Musik: der 3. Cinefonie-Tag in Saarbrücken (14.10.17)

Marcus Stiglegger bei der Vertonung von "Vortex". Alle Fotos: Tobias Keßler 3. Cinefonie-Tag

Marcus Stiglegger bei der Vertonung von „Vortex“. Alle Fotos: Tobias Keßler

Weiche Knie bei einem fast 90 Jahre alten Film? Der einem dabei zwar nicht ganz, aber doch ziemlich neu erscheint? Das kann passieren: Am Samstag hat das Bandprojekt Vortex Carl Theodor Dreyers Klassiker „Vampyr“ untermalt. Ein Stummfilm ist der nicht, wurde es aber hier: Der Originalton war abgedreht, die spärlichen Dialogsätze konnte man als Untertitel lesen, während der Filmwissenschaftler Marcus Stiglegger (Schlagwerk/Mundorgel/Mikro für ominöses Hauchen), Gitarrist Oliver Freund und düster dräuende Sounds aus dem Rechner den Film in ein tiefschwarzes Klangkleid hüllten – die Geschichte um Vampirismus und eine trügerische Realität, von Dreyer in einer traumartigen Atmosphäre und mit heute noch verblüffenden Kamerabewegungen erzählt, hat mit der Musik eine ungeheure Wucht entwickelt.

https://www.facebook.com/Vortex.music.official/

Cinefonie Marcus Stiglegger Vampyr Foto: Tobias Keßler Kino trifft Musik: der 3. Cinefonie-Tag in Saarbrücken (14.10.17)

 

Ein Erlebnis war das und ein Höhepunkt des durchweg gelungenen 3. Cinefonie-Tages am Samstag in Saarbrücken. In den ersten beiden Jahren hatte Veranstalter Jörg Mathieu, Herausgeber des Saarbrücker Filmmagazins „35 Millimeter“, seine Verbindung von Konzert und klassischem Kino erst ins Kino Achteinhalb und dann ins Saarbrücker Filmhaus gebracht; diesmal zog er ins Garelly-Haus in die Eisenbahnstraße, wo abwechselnd die Musik im Erdgeschoss spielte und die Filme im ersten Stock liefen. Etwa die selten gezeigte Stummfilmperle „The Wind“ von Victor Sjöström, einem schwedischen Filmemacher (1879-1960), der auch in Hollywood gearbeitet hat. Stummfilmexperte Günter A. Buchwald begleitete das schicksalssatte Werk von 1928, in dem eine Frau (Lillian Gish) in einer lebensfeindlichen Natur strandet und dort ebenso mit der Männerwelt zu kämpfen hat.  Buchwald agierte überwiegend in klassischer Stummfilmmusik-Manier, mit pianistisch hoher Schlagzahl – doch in manchen Sequenzen legte er den Schalter am Keyboard um und untermalte Bilder eines dramatischen Sandsturms mit schrillen elektronischen Tönen, ließ es wabern und kreischen – ein schöner Kontrast und ein imposanter Film, der den Beginn des Cinefonie-Tages wieder aufnahm: Er hatte mit einer Lesung des Filmwissenschaftlers Jens Dehn aus seinem Buch „Film can be Art“ über den Regisseur Sjöström begonnen, das Mathieu herausgegeben hat.

Cinefonie Günter A. Buchwald Foto: Tobias Keßler Kino trifft Musik: der 3. Cinefonie-Tag in Saarbrücken (14.10.17)

Musiker Günter A. Buchwald

www.stummfilmmusiker.de

 

Auch einen Einblick in die Medienpraxis gab es: Der Saarlouiser Musiker und Sounddesigner Sebastian Heinz stellte seine Arbeit vor, zeigte seine musikalische und klangliche Untermalung eines PC-Spiel-Trailers und demonstrierte, dass diese Arbeit technisch ein ziemliches Gefummel ist: 173 Tonspuren musste er befüllen, mit Schritten auf Gras, Explosionen, klirrenden Schwerten und allerlei mehr. Ein „Puzzle von 100 000 Teilen“ ist das, sagte er, und beim Soundesign habe man höchst selten den Luxus, solche Geräusche selbst aufzunehmen und zu bearbeiten – eher müsse man sich bei Soundbibliotheken greifen und die Funde wiederum bearbeiten, denn „man hat nicht immer das perfekte Material“. Und auch dem eigenen Ausdruck sind manchmal Grenzen gesetzt, berichtete er, gerade im „Imagefilm“, sprich Werbung, sei man weniger ein Künstler denn ein Dolmetscher, der ein Produkt emotional übersetzen müsse – ob nun einen Mülleimer oder etwa eine Dusche: Für eine solche musste Heinz einmal eine einprägsame Musik komponieren, wobei der erste Entwurf – eher intim und lyrisch – die Auftraggeber nicht überzeugte. Die zweite Fassung – mit episch-heroischem Hans-Zimmer-Rumms – wurde genommen. Heinz gefällt die erste Fassung besser, aber in solchen Situationen sei man eben Dienstleister.

http://www.heinz-sebastian.com/

Heinz hat eine Firma zusammen mit Markus Trennhäuser, auch bekannt als Rapper Drehmoment; der kümmert sich um die Produktion von Werbefilmen, die Heinz dann vertont. Trennhäuser sprach von der Schwierigkeit, Aufmerksamkeit erregen zu wollen in einer digitalen Welt, die ohnehin schon reizüberflutet sei. Auffallen könne man da nur mit „gutem Storytelling“, orginellen Geschichten, von denen man hofft, dass sie sich im Internet verbreiten – „eine potenzielle Viralität“. Der technische und finanzielle Aufwand sei gar nicht so wichtig, „aber gerade im Saarland wissen das zu wenige“.

 

 

Cinefonie Sebastian heinz Foto: Tobias Keßler Kino trifft Musik: der 3. Cinefonie-Tag in Saarbrücken (14.10.17)

Sebastian Heinz und ein paar von 173 Tonspuren.

Cinefonie Markus Trennhäuser Foto: Tobias Keßler Kino trifft Musik: der 3. Cinefonie-Tag in Saarbrücken (14.10.17)

Markus Trennhäuser.

 

Danach ging es vom ersten Stock ins Erdgeschoss, wo der heimische Künstler Volker Schütz eine Wand mit Mustern bestrahlte und Im Namen des Volkes auftraten – und das war ein Vergnügen. Pochende, pulsierende, manchmal piepsende und quietschende Synthesizer-Musik, dazu die lässige Bühnenpräsenz dieses fulminanten Duos: Sänger/Keyboarder Matthias Schuster, mit wallendem Haarschweif, kämpfte ein wenig mit einem antiken Korg-Keyboard, versprach aber, „irgendwann mal einen Ton rauszukriegen“. Trautonia Capra spielte neben den Keyboards ein Theremin – jenes Instrument, das einem  halben Fahrradlenker mit Antenne ähnelt und dem die jaulenden Töne berührungslos per Handbewegung entlockt werden – gerne benutzt in Gruselfilmen der 50er Jahre bei Auftritten von Außerirdischen. Schuster freute sich an einigen satt donnernden Sounds („das ist aber fett“) und griff am Ende zu einem Blasinstrument, dem er mal ein Zischen, mal Trompetenverwandtes entlockte. Ein wundersamer Auftritt mit ein wenig Nostalgie (Schuster: „das nächste Stück ist von 1979, so alt sind wir schon“), viel Witz und unerwartet viel Wärme in dem synthetischen Setting.

Cinefonie Im Namen des Volkes Foto: Tobias Keßler Kino trifft Musik: der 3. Cinefonie-Tag in Saarbrücken (14.10.17)

Vorsicht, Blasinstrument von rechts: Im Namen des Volkes.

https://www.facebook.com/Im-Namen-Des-Volkes-127496800665598/

 

 

Danach hatte es das deutsche, Englisch singende Duo Lower Synth Department erst einmal schwerer mit einer etwas kühleren Elektro-Musik, die aber eine funktionale Pop-Eleganz ausstrahlte. Der Kontrast zwischen der herben Weltschmerzstimme von Sebastian H. und der wärmeren Intonation von Kyounmg-Hi R. (zeitweise auch am Bass) hatte durchaus seinen Reiz.

https://www.facebook.com/Lower-Synth-Department-143123642372556/

Cinefonie Lower Synthe Department Foto: Tobias Keßler Kino trifft Musik: der 3. Cinefonie-Tag in Saarbrücken (14.10.17)

Lower Synth Department

 

Musikalisch ging es nicht gänzlich synthetisch zu. Matt Howden, Geiger, Dozent, Studio- und Labelbetreiber war aus Shefield angereist, mit Violine und einem Effektgerät, das er mit den Füßen bediente. Kurze Motive nahm er auf, ließ sie als Dauerschleife laufen, legte neue daneben, fiedelte sich langsam in Eksase  und knüpfte sich einen mal flauschigen, mal eher struppigen Klangteppich, wandelte mit seinem Instrument ins Publikum hinein – ein herzerwärmender Auftritt mit stimmlicher Melancholie, die zumindest von daher bisweilen an Bands wie The Blue Nile oder It’s Immaterial erinnerte. Howden, der sein violinistisches Solo-Projekt Sieben nennt, spielte einige frisch komponierte Stücke, eines davon gerade drei Tage alt – kein Wunder, dass er da mittendrin abbrach, um in sein Notizbuch zu schauen, wie es denn nun weitergeht. Ein famoser Aufritt mit hypnotischen Momenten.

www.matthowden.com

Cinefonie Matt Howden Sieben Foto: Tobias Keßler Kino trifft Musik: der 3. Cinefonie-Tag in Saarbrücken (14.10.17)

Matt Howden alias Sieben.

 

Etwas Warmlaufzeit brauchte man bei Siegfrid Kärchers „Gedanken zum Film ‚Metropolis‘“. Während hinter dem Künstler collagenhaft Momente aus Fritz Langs Film projiziert wurden, mit Menschenmassen, die in unterirdischen Fabriken zur Arbeit trotten, drehte und drückte Kärcher an allerlei blinkenden Tasten und Rädchen, ließ es wummern, wabern, dröhnen – das wirkte anfangs wie eine Mischung aus Improvisation und Technik-Test, hatte er doch, wie er sagte, ein Instrumentarium vor sich, das gerade erst vor drei Tagen aus Japan angekommen sei. In der zweiten Hälfte des Programms bat er Sängerin Pia Lamusica und Trautonia Capra von im Namen des Volkes dazu – Thereminklänge, wummernde Elektronik und Lamusicas starke Stimme, die Texte aus dem Film in Englisch deklamierte, schraubten sich kraftvoll hoch zu dramatischer Theatralik.

http://siegfried-kaercher.de

Cinefonie Siegfried Kärcher Foto: Tobias Keßler Kino trifft Musik: der 3. Cinefonie-Tag in Saarbrücken (14.10.17)

Siegfried Kärcher

 

Der  Tag im Garelly-Haus ging mit der heimischen Band Control um Stefan Ochs, Architektur-Professor an der HTW Saar, zu Ende. Ochs, Schlagzeuger Vincenzo Gangi, Bassist Dirk Mauel und Gitarrist/Keyboarder Stefan Strauss führten mit Coverversionen der Band Joy Division zurück in die späten Siebziger und frühen Achtziger, als der Punk an sich tot war, seine Energie sich aber in minimalistisch-rumpeligen New Wave-Klängen kanalisiert hatte. Ein nostalgieseliger Auftritt mit viel Energie und lässiger Bühnentheatralik von Ochs, der zwischendurch das Hemd wechselte und sich nach besonders lebhaften Tanzbewegungen im eckigen Ian-Curtis-Stil kräfteschonend hinkniete.

http://www.control-division.com/

 

Cinefonie Control Foto: Tobias keßler Kino trifft Musik: der 3. Cinefonie-Tag in Saarbrücken (14.10.17)

Control

Ein guter langer Kino- und Musiktag zwischen Konzert- und Werkstattcharakter war das, bei dem man in den Räumen immer genug Auslauf hatte – denn der Brandschutz verlangt, erklärte Mathieu, dass nicht mehr als 99 Menschen sich im Garelly-Haus aufhalten. 2018 steht ein neuer Standort an: die eli.ja – Kirche der Jugend in der Hellwigstraße.

Fernweh in 70 Millimeter: Der alte Reisefilm „Flying Clipper“

Fernweh in 70 Millimeter: Der alte Reisefilm "Flying Clipper"

 

Was für ein Zeitdokument – und was für Farben! Das Blau des Meeres leuchtet, das Weiß des Segelschiffs strahlt, und angesichts des knalligen Rots eines Rennwagens in Monaco möchte man zur Sonnenbrille greifen. „Flying Clipper“ ist ein Dokumentarfilm aus dem Jahr 1962, der auch mit 55 Jahren noch spektakulär ist: Zwei Regisseure und vier Kameramänner haben mit eigens konstruierten 70-Millimeter-Kameras die Reise eines schwedischen Schulschiffs begleitet, von der Nordsee bis zum Nil.

Zweieinhalb Stunden dauert dieser Film (mit Ouvertüre und Pausenmusik!), der jetzt fürs Heimkino erscheint und eine Entdeckung ist: Weil die Bilder durch das hochauflösende Filmformat kristallklar wirken, aber vor allem durch den Zeitgeist, der den Film durchweht. Der Massentourismus lag in weiter Ferne, Erzähler Hans Clarin beschwört weihevoll „die Sehnsucht nach dem Süden“, nach Rhodos, Capri und den Pyramiden, „aber für viele Menschen wird diese Sehnsucht lebenslang ein Traum bleiben“. Es gab eben noch keine Billigflieger.

„Beirut, das Paris des nahen Ostens“

Keine Darsteller im strengen Sinne gibt es, man verfolgt die Arbeit der Matrosen und des Kapitäns, sie „segeln hart am Wind“, wie Clarin intoniert, und gemeinsam erreicht man unter anderem Nazaré, Barcelona, „Beirut, das Paris des nahen Ostens“, „den Libanon mit seinen Zedern“ und auch Afrika, „den schwarzen Erdteil“. Da fühlt man sich als Zuschauer bisweilen wie ein Entdecker, der als erster den Fuß auf fremde Kontinente setzt. Manchmal hat der Film seine Längen, aber immer wieder gelingen fantastische Bilder: etwa die Starts von Maschinen auf einem US-Flugzeugträger und die Aufnahmen vom Straßenrennen in Monaco. Am Ende, im Heimathafen, wird Erzähler Clarin melancholisch; die Welt sei so hektisch geworden, dass solche Segelschiffe wie die „Flying Clipper“ von gestern seien. Da will man sich seinem finalen weihevollen Wunsch vollen Herzens anschließen: „Möge sie bestehen bleiben, die edle Seefahrt unter weißen Segeln.“

Bonus:

Interviews mit Jürgen Brückner, Kameramann und Verleiher (30 Min.), Herbert Born, Inhaber des Schauburg-Kinos in Karlsruhe (11 Minuten) und Marcus Vetter, Theaterleiter und Vorführer in der Schauburg (14 Minuten).

Aushangfotos

Trailer

Erschienen bei Busch Media Group.

 

Blick in eine selige Videothek

Sie gibt es nun schon ein paar Jahre nicht mehr, die Videothek in der Bleichstraße in Saarbrücken. Schade drum, es war immer ein schöner Ort zum Herumschauen, Schnäppchenkaufen und Zeittotschlagen – man muss sie vermissen.

Die Fotos stammen aus dem Dezember 2012.

 

 

Blick in eine selige Videothek Saarbrücken Bleichstraße Daniel Craig James Bond

Blick in eine selige Videothek Saarbrücken Bleichstraße Daniel Craig James Bond

Blick in eine selige Videothek Saarbrücken Bleichstraße Daniel Craig James Bond

Blick in eine selige Videothek Saarbrücken Bleichstraße Daniel Craig James Bond

Blick in eine selige Videothek Saarbrücken Bleichstraße Daniel Craig James Bond

 

 

 

Wenn das Kino der Kindheit vor sich hin bröckelt

Kino der der Kindheit Nostalgie St. Wendel Central-Theater

Das erste Kino – man vergisst es nie. Da mögen die späteren Filmtheater größer sein, mit perfekter Technik und Leinwand in Fußballplatzgröße protzen, doch nichts kommt mehr heran an die ersten Besuche im Filmtheater – in meinem Fall das Central Theater in der St. Wendeler Brühlstraße, an der Blies gelegen. Schon zu meinen ersten Besuchen, Mitte der 70er, versprühte das Kino den Charme von gestern, schließlich war es ein Kind der Nachkriegszeit, 1946 eröffnet. Sessel würde man die hölzerne Bestuhlung wohl heute nicht mehr nennen – allzu herzhaft schepperten die Sitze per Feder beim Aufstehen nach hinten. Aber es waren magische Momente im Central Theater, meist im Parkett. Denn der so genannte „Sperrsitz“ im hinteren Drittel kostete eine Mark mehr, und der Balkon wurde gemieden, um Taschengeld zu sparen. Ein laut tönender Gong kündigte Filme wie das „Dschungelbuch“ an, mit Louis dem Affenkönig und dem tot geglaubten Bär Balu, der regungslos im Dschungelregen lag. Immer sonntags um 16 Uhr liefen bunte Kinderfilme, die sich vor allem aus der japanischen „Godzilla“-Schmiede rekrutierten. Und im Sommer war das Kinoglück perfekt: Ein gelbrotes Plakat kündete vom „Sommer-Filmfestival“: Jeden Tag lief ein anderer Klassiker, ein buntes Programm zwischen „Papillon“ und dem „Weißen Hai“, der einem den Besuch im St. Wendeler Freibad für einige Tage vergällen konnte. Und nicht zuletzt die Bond-Filme kamen dazu.

Freundlich waren die Kinobetreiber. Wenn man sich die Zeiten in den Schaukästen nicht gründlich ansah und deshalb in den falschen Film marschierte – „Godzilla“ mit Gummimonstern statt „Jeder Kopf hat seinen Preis“ mit Steve McQueen – und das erst 20 Minuten nach Filmbeginn bemerkt hatte, konnte man die Kinokarte später nocheinmal für Herrn McQueens Abenteuer verwenden. Im Freundeskreis sagenumwoben war die Herrentoilette, rechts neben der Leinwand die Treppe hinunter. Von dort aus, so munkelten wir, gäbe es einen direkten Zugang zur Blies, mit besonderem Mut könne man sich also kostenlos ins Kino schleichen. Ausprobiert hat das von uns aber niemand. Und heute geht das nicht mehr – 1996, ein halbes Jahrhundert nach der Eröffnung, hat das Central-Theater geschlossen. Die alten Schaukästen sind noch da, aber alles andere bröckelt.

 

Kino der der Kindheit Nostalgie St. Wendel Central-Theater

 

Kino der der Kindheit Nostalgie St. Wendel Central-Theater

Kino der der Kindheit Nostalgie St. Wendel Central-Theater

Kino der der Kindheit Nostalgie St. Wendel Central-Theater

Kino der der Kindheit Nostalgie St. Wendel Central-Theater

 

„For the love of Spock“ von Adam Nimoy

Leonard Nimoy Adam Nimoy For the Love of Spock

Zu Besuch bei den Dreharbeiten zu „Raumschiff Enterprise“: Adam Nimoy und sein Vater Leonard. Fotos: Studio Hamburg

Ob er es nun wollte oder nicht – der Logiker mit den spitzen Ohren, der scheinbar eisige Mann, der mit seinen Gefühlen ringt,  war die Rolle seines Lebens. Leonard Nimoy (1931-2015) spielte Mr. Spock, halb Mensch, halb Außerirdischer, in den 60ern in der Serie „Raumschiff Enterprise“, so hieß „Star Trek“ damals bei uns, als die Serie erstmals im ZDF lief;  dann sprach er Spock in den 1970ern in einer Zeichentrickserie, war danach in den „Star Trek“-Kinofilmen zu sehen, von denen er zwei auch inszenierte.  Auch in der Neuauflage der Reihe war er zu sehen, zuletzt noch 2013 in „Star Trek: Into Darkness“ – als alter, weiser Spock und als würdiger Ruhepunkt in der Action-Hektik, die mit den alten „Star Trek“-Filmen wenig zu tun hat. Da hatte Nimoy, der seine erste Autobiografie trotzig „I am not Spock“ nannte (und später „I am Spock“ versöhnlicher nachlegte), schon längst seinen Frieden gemacht mit der Rolle, die alle seine anderen überschattete.

 

Leonard Nimoy Adam Nimoy For the Love of Spock

Fast ganz der Papa: Adam Nimoy bei einer Convention.

Wie geht man damit um, durch eine Rolle ein Teil der Populär-Kultur zu werden? Und warum ist die Figur des Spock weltweit derart populär geworden? Diese Fragen stellt sich die Dokumentation „For the love of Spock“und beantwortet sie sehr persönlich – kein Wunder, ist der Regisseur doch Nimoys Sohn Adam. Der plante 2014 in Zusammenarbeit mit dem Vater einen Film über die Figur Spock; angesichts des Todes Leonard Nimoys ein Jahr später verband der Sohn das Porträt Spocks zugleich mit einem Blick auf den Vater und die eigene, nicht immer einfache Familiengeschichte. Das hätte eine gefühlige Nabelschau werden können; aber abgesehen von den letzten Minuten, in denen die jungen Kollegen der neuen „Star Trek“-Reihe etwas zu geflissentlich Leonard Nimoys Heiligenschein polieren, ist „For the love of Spock“ ein munteres, persönliches, aber nicht zu intimes Porträt.

Gerangel mit William Shatner

Alte Familienaufnahmen sind zu sehen, Interviewausschnitte mit Nimoy aus verschiedenen Dekaden und kurze, für den Film aktuell geführte Gespräche mit den Kollegen von einst: George Takei etwa, der in der Serie den Astronauten Sulu spielte, und Walter Koenig, der den Russen Chekov mimte, damals mit Beatles-artiger Frisur (war es eine Perücke?), heute glatzköpfig. Mit dabei ist auch, natürlich, William Shatner. Er spielte Captain Kirk, war als Star der Serie gesetzt und musste dann erleben, dass die Figur Spock zur beliebtesten wurde. Shatners Beziehung zu Nimoy war über die Jahrzehnte nicht einfach. Doch Konkurrenzgerangel, Intrigen und Alpha-Tiergehabe werden hier nur kurz angedeutet, in den späten Jahren sind sich die Männer wohl mit einer gewissen Altersmilde begegnet. Ein schöner Ausschnitt zeigt Nimoy bei einer der populären „Star Trek“-Conventions, wie er eine frühe Rezension zur Serie aus der Branchenbibel „Variety“ mit Wonne vorliest: „Shatner spielt hölzern“. Dass die Serie nicht vom Start weg zum Phänomen wurde, zeigt auch ein kurzes Interview mit Barry Newman, dem Darsteller der 70er-Serie „Petrocelli“: Er riet seinem Kollegen und Freund Nimoy damals, die Gummi-Ohren schleunigst abzunehmen und den Dienst zu quittieren: „Leonard, steig aus – das hat doch keine Zukunft!“

Adam Nimoy Leonard Nimoy William Shatner

William Shatner, der den Captain Kirk spielte.

Der Film zeichnet das Bild eines Schauspielers, der sich in seinem künstlerischen Traumberuf (den ihm seine Eltern ausreden wollten),  jahrelang tummelt, ohne nennenswerten Erfolg zu haben. Den bringt erst, mit 35,  die Figur des Spock, eines Mannes, der  etwas anders ist als die anderen, der etwas abseits steht – und wer könnte sich damit nicht identifizieren? Das Seriendebüt sieht sich die Familie Nimoy bei Nachbarn an, denn die haben, anders als die Nimoys, einen Farbfernseher. Drei Jahre läuft die Reihe, bevor sie abgesetzt wird. Nimoy, der aus finanziell überschaubaren Verhältnissen kommt, treibt auch während dieser drei Jahre die Angst vor späterer Armut um. „Ich nahm damals jeden Job an, der Geld brachte“, sagt er – um das zu illustrieren, zeigt die Doku Ausschnitte aus seiner legendär bizarren Pop-Plattenaufnahme „Bilbo Baggins“, witzig montiert in eine „Enterprise“-Szene. (Privat hört Nimoy, erzählt sein Sohn,  damals lieber Yves Montand und Charles Aznavour.)

Das Arbeitspensum während „Enterprise“  hat Folgen für die Familie: Während der Woche ist er kaum zuhause, sagen Sohn und Tochter heute, und wenn, dann trägt er die gefühlsunterdrückte Rolle Spocks mit sich herum. „Er war sehr in seiner eigenen Welt, sagt die Tochter heute. Das klingt nicht nach einem vor Liebe überfließenden Familienleben. Ein altes Presseporträt zeigt die Nimoys, die mit kollektiv versteinerten Gesichtern posiert. Nach „Star Trek“ steigt Nimoy bei „Kobra, übernehmen Sie!“ („Mission: Impossible“)  ein, dort nach drei Jahren wieder aus, spielt mehr Theater – aber die ganz großen Rollen im Fernsehen oder Kino findet er nicht. Bis er 1979 Spock im ersten (und schwächsten) „Star Trek“-Film spielt und danach die Teile 3 und 4 auch inszeniert. Dass er das durchsetzen kann, liegt an der zentralen Rolle Spocks. Ein „Star Trek“-Film ohne Spock? Keine gute Idee. Das wissen Nimoy und das Studio Paramount, das Nimoy zwischnezeitlich verklagt hat, weil er sich bei den Werbe-Einkünften durch die Figur Spock (etwa auf Cornflakes-Packungen) über den sprichwörtlichen Tisch gezogen fühlt. Man einigt sich schließlich, Paramount bracht Nimoy mehr als umgekehrt.

Eine Vater-Sohn-Geschichte

Nicht zuletzt ist „For the love of Spock“ auch eine Vater-Sohn-Geschichte: Nimoy ist jahrelang wenig zuhause und fehlt den Kindern; als die Karriere in den 1970ern bis zum „Star Trek“-Comeback stagniert, „hängt er zuhause rum“, wie es der Sohn sagt. Noch schwieriger werden die 80er: Nimoys Ehe zerbricht nach 32 Jahren, er trinkt, was erklären könnte, dass seine erfolgreich begonnene Regie-Karriere unvermittelt endet – auch der Sohn nimmt Drogen. Der schwierige Kontakt bricht irgendwann ganz ab – bis man sich in Nimoys letzten Jahren wieder sehr nahe kommt. Ein Happy End, dass man den beiden gönnt.

Eine liebevolle Doku, auch formal: Die Titel laufen in derselben Schriftart ab wie in der alten „Enterprise“-Serie. Und gleich zweimal ist Spocks Todesszene aus „Star Trek II – Der Zorn des Khan“ zu sehen, die mit dem großen Selbstopfer und der letzten Freundschafts/Liebeserklärung an Kirk unweigerlich ans Herz geht.

Wer sich über den enorm langen Abspann wundert: Die Doku hat sich über Crowdfunding finanziert und dankt allen Unterstützern durch Namensnennung.

 

Auf DVD und Blu-ray erschienen bei Studio Hamburg.
91 Minuten, Original mit Untertiteln.

Nostalgie als Programm: Zu Besuch beim DVD-Verlag „Pidax“ in Riegelsberg

Pidax Nostalgie DVD

Edgar Maurer im Riegelsberger Pidax-Lager. Hier stapeln sich um die 100 000 DVDs und CDs. Fotos: Keßler

 

„Geplant war das ja alles nicht“, sagt Edgar Maurer. Er sitzt in einem Büroraum seiner Firma Pidax in Riegelsberg, über einem Ledersofa hängen Dutzende bunte DVD-Cover – von der Wand grüßen Peter Alexander und Georg Thomalla, Rudi Carrell und Günter Strack, Pierre Brice und Audrey Hepburn. Nostalgie ist Programm bei der Firma, die vor fast zehn Jahren entstand – aus einer Liebhaberei heraus: Maurer, Jahrgang 1966 und Fan des Fernsehens seiner Kindheit („ich habe viel zu viel Fernsehen geschaut“), wollte eine ganz frühe TV-Erinnerung auffrischen: die Serie „Die Grashüpferinsel“. Auf Video oder DVD gab es sie nicht, eine verschollene Perle. Maurer wollte das ändern, spürte detektivisch die Rechteinhaber auf, kaufte die deutschen Rechte an der Serie,  und ein Bruder im Nostalgie-Geiste im Hessischen restaurierte das Bildmaterial – fertig war die erste Veröffentlichung der neuen Firma Pidax. Geplant war die bestenfalls als Feierabendprojekt mit Hobby-Anmutung, doch dann ist  Maurer irgendwann, als sich der Erfolg abzeichnete, „aggressiv rangegangen. Fünf, sechs Jahre haben wir gearbeitet, ohne etwas zu verdienen – Gewinne haben wir sofort wieder reinvestiert“.

 

Pidax Nostalgie DVD

Die DVD-Hüllen in einem der Büroräume.

Jetzt, knapp zehn Jahre später, geht Pidax als DVD- und auch Hörspielverlag (laut Maurer eine Million DVDs und 100 000 verkaufte CDs) auf die 1000. Veröffentlichung zu. Um die 20 000 Exemplare verkauft die Firma im Monat, der Umsatz in diesem Jahr wird bei zwei Millionen Euro liegen. Und vor ein paar Monaten hat Maurer, von Haus aus Kaufmann, seine Anstellung bei den Stadtwerken in Saarbrücken gekündigt; weniger zu tun sei bei Pidax  nicht, sagt er, „aber es ist eine Arbeit ohne Stechuhrmentalität“.

Pidax ist nicht die einzige nostalgisch ausgerichtete DVD-Firma – da ist auch Studio Hamburg, das ARD- und ZDF-Oldies vermarktet, Winkler Film und nicht zuletzt die Firma Filmjuwelen/Fernsehjuwelen.

Die Firma ist denkbar dezentralisiert: Maurer kümmert sich in Riegelsberg um Planung, Abrechnung und das Verschicken der DVDs aus dem heimischen Lager mit 100 000 Exemplaren an Vertriebspartner und an Filmfreunde, die direkt bei ihm bestellen. Sein hessischer Kollege restauriert das Filmmaterial, wobei das Anlegen der Tonspuren an Bildmaterial mit das Schwierigste ist; gepresst werden die DVDs in Baden-Württemberg, der Vertrieb (neben dem Eigenvertrieb in Riegelsberg) sitzt in Köln und Hamburg. Ein Dutzend Menschen zählt das Pidax-Team mittlerweile, darunter einige in Mini-Jobs; hinzu kommen ein paar Ehrenamtler, die aus cineastischer Freude die Booklets schreiben.

 

Manche Veröffentlichungen haben eine jahrelange Vorlaufzeit, erzählt Maurer, „bei anderen ist nach 14 Tagen alles geklärt“ – und manche Projekte stolpern vor der Ziellinie: gerade etwa der kanadische TV-Klassiker „Die Strandpiraten“, der im ZDF unzählige Sonntagnachmittage vergoldet hat: Das DVD-Cover hatte man bei Pidax schon gestaltet, aber Verhandlungen um Rechte, „die von Anfang an schwierig waren“, platzten letztlich, „wir waren sehr enttäuscht“. Andere Wunschpläne lässt Maurer lieber gleich in der Schublade: „Rudis Tagesschau“ hätte er gerne herausgebracht, aber da Rudi Carrell in der Reihe jede Menge Nachrichten-Ausschnitte einsetzte, „wären die einzelnen Bildrechte gar nicht zu klären“.

Die Lizenzen

Im Zentrum des Geschäfts stehen die Lizenzen für die Filme, Serien, Theateraufzeichnungen und Hörspiele, die meist fünf bis sieben Jahre lang laufen. Um die Lizenzen musste er früher kämpfen, mittlerweile kommen die Lizenzgeber zu ihm, aus England, Frankreich, Japan und auch aus den USA. Amerikanische Lizenzen galten für kleinere Firmen lange als unbezahlbar, laut Maurer „hat sich das verändert. Die Amerikaner haben lange auf ihrem Material gesessen, sind jetzt aber vernünftiger geworden und runter von ihrem hohen Ross. Bis auf Disney.“ Mittlerweile bieten Großstudios auch Firmen wie Pidax Lizenzen an – kürzlich Paramount mit HD-Material für Blu-rays. „Ich habe mir die Liste angeschaut, und die angebotenen Western ‚High Noon’ und ‚Rio Grande’ waren schon weg – das war bitter.“ Die bisher teuerste Lizenz hat Maurer aber nicht in den USA gekauft, sondern in Japan: für die Serie „SRI und die unheimlichen Fälle“. Je nach Lizenzkosten ist ein Titel schon bei 300 verkauften Exemplaren in der Gewinnzone, bei anderen erst nach 3000.

Auch Dokus hat Pidax mittlerweile im Programm, darunter die Reihe „Legenden“ über Filmstars von einst – einzuschätzen ist der Erfolg dabei nicht. „Audrey Hepburn läuft gut, Liz Taylor schlecht“, sagt Maurer, „Pierre Brice geht durch die Decke, Gert Fröbe nicht“. Zu den Pidax-Hits gehören etwa „Agentenpoker“ mit Walther Matthau, die Serie „Am Fuß der blauen Berge“, das Alkoholdrama „Rückfälle“ mit Günter Lamprecht und auch einer der wenigen neueren Filme: der ARD-Mittwochabendfilm „Komasaufen“. Ein Dauerbrenner ist auch „Schokolade für den Chef“ mit Götz George. Der größte Erfolg bisher ist der Seriendauerbrenner „Die Abenteuer der Familie Robinson“ mit einer Auflage in fünfstelligen Bereich.

„Wir spielen immer Bank“

Das Pidax-Programm funktioniert als klassische Mischkalkulation: Erfolgreiche Filme fangen weniger erfolgreiche auf – das rechnet sich im Ganzen, „denn wir haben mehr Ausreißer nach oben als nach unten“. Wobei sich das vorher naturgemäß schlecht einschätzen lässt. So ist Maurer überrascht, dass eine Reihe von Kinderfilmen aus den 90er Jahren – „Jan vom Goldenen Stern“ etwa weniger Interesse fanden als gedacht. Aber je mehr Filme die Firma veröffentlicht, sagt Maurer, desto breiter verteilt sich das Risiko. Dennoch gilt: „Wir spielen immer Bank. Wir müssen alles vorfinanzieren.“

Zum Beispiel die Synchronisierung von Serien oder Filmen, die keine deutsche Sprachfassung mehr besitzen oder noch nie eine hatten: etwa eine „Sherlock Holmes“-Serie (1965-68)  mit Peter Cushing, deren alter deutscher Ton verschollen ist, außerdem eine bisher nicht synchronisierte Holmes-Reihe mit Christopher Lee, die Anfang der 90er Jahre entstand, zum Teil in Luxemburg, und auch bisher bei uns nicht gezeigte englische Agatha-Christie-Geschichten aus den 90er Jahren (Maurer: „Christie zieht immer“). Den Effekt, dass ein alter Film und eine sterile Synchro von heute nicht zusammenpassen, kennt Maurer – das Studio, das er beauftragt, arbeitet teilweise mit alten Bandmaschinen, um die Tonspur mit klanglicher Patina zu überziehen, auch der Wortschatz wird der Entstehungszeit angeglichen.

Eine Synchronisierung kostet Geld, das man nicht mit 1000 verkauften Exemplaren wieder herein holt  – der Standard-Startauflage, mit der Pidax erst einmal das Interesse des Publikums erkundet. Bei Erfolg wird nachgepresst, aber Ladenhüter gibt es auch. „Manche Filme bleiben bei einem Verkauf von 300 Stück einfach stehen, da geht dann gar nichts mehr.“ Die Restbestände landen dann für zwei oder drei Euro in Billigmärkten, denn Lagerplatz ist teuer.

Wie reagiert die Firma auf den bröckelnden DVD-Markt und das sozusagen körperlose Streamen im Internet? „Im Ausland ist der Markt für DVDs schwächer geworden“, sagt Maurer, „in England und Italien sogar zusammengebrochen – aber deutsche Kunden wollen sich einen Film ins Regal stellen können, das ist der Vorteil für uns.“ Wobei das Pidax-Publikum ohnehin durch das nostalgische Programm etwas älter und nicht ganz so streaming-affin ist. „Es liegt im Bereich 40 plus, bei den Animationsfilmen vielleicht 30 plus“, schätzt Maurer.

„Pidax Channel“ geplant

Dennoch setzt die Firma auch auf das Abspielen im Internet: Hörspiele werden gestreamt, etwa bei audible, „bei Filmen ist das noch nicht so verbreitet“. Aber noch in diesem Jahr soll bei Amazon ein eigener „Pidax Channel“ installiert werden, den man abonnieren kann, mit 100 bis 200 verfügbaren Filmen. Die muss die Firma aber erstmal hochladen, einige technische Hürden nehmen und das ganze finanzieren – mit, wie Maurer sagt, Hunderten Euro pro Film. Das muss man erstmal vorlegen, aber „dann ist ein Film wie eine Kuh, die Milch gibt“. Ein guter Ausgleich, wenn die DVD schwächer werden sollte.

Blu-rays, den hochauflösenden Nachfolger der DVD, findet man bei Pidax selten. „Bei diesen älteren Filmen gibt es nur selten HD-Material, und nur dann machen wir eine Blu-ray – alles andere, etwa das Hochskalieren von Nicht-HD-Material, ist Betrug am Kunden.“ Üblicherweise bringt Pidax auch nur dann eine Bluray  heraus, wenn sich die DVD schon über 1000 Mal verkauft hat, also ein Mindestinteresse am Film besteht. Eine Ausnahme ist demnächst „Am Anfang war das Feuer“, den es bisher in Deutschland noch nicht auf Blu-ray gab.

Zwischen 60 und 70 Prozent des Pidax-Handels  läuft über Amazon, über die Hauptseite und über Amazon-Marketplace. Von Riegelsberg aus verschickt Pidax portofrei, europaweit. „Das lohnt sich trotzdem für uns, denn Amazon nimmt direkt schon mal 40 Prozent vom Verkaufspreis.“

Durchgeplant ist das Programm bis Juni 2018, mit besonderem Blick aufs Weihnachtsgeschäft, das laut Maurer mindestens ein Drittel des Jahresumsatzes ausmacht. Dass einmal die interessanten Filme ausgehen, fürchtet Maurer nicht – es geht immer weiter. „Wir sind wie  Fischer, werfen die Netze aus und fangen immer etwas.“

 

http://www.pidax-film.de

 

Info:

Ein Blick aufs Programm der nächsten 10 Monate:

  • Hanni und Nanni (Zeichentrickserie)
  • Das kalte Herz (6-Teiler von 1978)
  • Der letzte Mohikaner (BBC 8-Teiler von 1971)
  • Sherlock Holmes (Serie mit Peter Cushing)
  • Am Fuß der blauen Berge, Vol. 7
  • Kim & Co. (26-teiligee Serie)
  • Sklaven (The Fight Against Slavery)= BBC 6-Teiler von 1975
  • Locker vom Hocker (Serie mit Walter Giller)
  • Im Auftrag von Madame (39-teilige Krimiserie)
  • Blinky Bill (Zeichentrickserie)
  • Mensch Bachmann (Serie)
  • Zwei alte Hasen (Serie)

 

 

 

 

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